Wenn Engelbert Kohl erzählt, klingt vieles fast beiläufig. Als sei es selbstverständlich gewesen, mit 14 Jahren Obermessdiener zu werden, später im Jugendgottesdienst Lesungen zu übernehmen, im Pfarrgemeinderat mitzuarbeiten, Baupläne für das Gemeindezentrum zu prüfen oder über Jahrzehnte einen Verein zu führen. Gerade darin zeigt sich, was ihn in Flörsheim seit Jahrzehnten auszeichnet: Engelbert Kohl gehört zu denen, die Verantwortung übernehmen.
Wer ihm begegnet, erlebt ihn in vielen Rollen. Als Vorsitzenden der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Flörsheim, an deren Spitze er seit 1976 steht. Als langjährigen Mann der Pfarrgemeinde St. Gallus, als Lektor und Kommunionhelfer, als Mitgestalter kirchlichen Lebens. Manche erinnern sich an ihn als Nikolaus, andere aus der Fastnacht, wieder andere aus dem Vereins- und Verbandsleben. Und doch führt all das nicht zu einem losen Nebeneinander von Ämtern, sondern zu einem ziemlich klaren Bild: das eines Mannes, der das Gemeinwesen dieser Stadt über Jahrzehnte mitgeprägt hat – mit Ausdauer, Sachverstand und einem festen moralischen Maßstab.
Diese Haltung zeigte sich früh. Der 1942 geborene Flörsheimer war seit seinem neunten Lebensjahr in der Pfarrgemeinde St. Gallus aktiv, zunächst als Messdiener, später als Obermessdiener. Schon als Jugendlicher fiel er nicht dadurch auf, dass er still mitlief, sondern dadurch, dass er mitdachte. Als in den Gottesdiensten noch vieles auf Latein gesprochen wurde, stellte er die einfache Frage, warum junge Leute kommen sollten, wenn sie kaum verstehen, was vorne gesagt wird. Es war kein Aufbegehren gegen die Kirche, sondern der Versuch, sie zugänglicher zu machen. Dass er bald darauf im Jugendgottesdienst Lesungen übernahm, passt zu dieser frühen Haltung: Kohl wollte nie nur Teil eines Systems sein, sondern es von innen her sinnvoller machen.
Kein selbstverständlicher Weg
Aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen. Der Vater arbeitete bei der Bahn und half zusätzlich bei Bauern in Flörsheim aus, damit die Familie versorgt war. Es war kein Elternhaus, aus dem ein akademischer Weg selbstverständlich hervorging. Dass Kohl später als Drittbester seines Jahrgangs Abitur machte und studierte, lag an Begabung, Fleiß und an Menschen, die sein Talent früh erkannten. Lehrer und Förderer öffneten ihm Türen, Stipendien halfen ihm weiter. Lernen sei ihm nie bloß Mittel zum Aufstieg gewesen, sagt er. Es habe ihm schlicht Freude gemacht. Gute Noten bedeuteten für ihn weniger Triumph als innere Befriedigung.
Gleichzeitig zeigt seine Bildungsbiografie, dass dieser Weg nicht ohne Druck verlief. Aus der Förderung wuchs auch ein Anspruch an sich selbst. Nach dem Abitur begann Kohl ein Studium der Mathematik und Physik, zunächst in Frankfurt, später ab 1963 in Freiburg. Dort wurde er durch das Cusanuswerk gefördert, das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Was von außen wie eine geradlinige Laufbahn aussah, wurde für ihn zur Belastung.
Der Anspruch, nun nicht nur gut, sondern hochbegabt sein zu müssen, setzte ihm zu. Als gesundheitlichen Folgen deutlich wurden, zog er die Konsequenz. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbsterkenntnis. Er brach den Weg ab, orientierte sich neu und suchte einen Abschluss, der tragfähig war. Auch darin zeigt sich ein Grundzug, der sich durch sein Leben zieht: Engelbert Kohl hält viel aus, aber er hält nicht um jeden Preis an einem Prestigeweg fest.
Auch privat war diese Zeit von Umbrüchen geprägt. 1966 heiratete er seine Frau Gerda. Die Familie rückte damit noch deutlicher in den Mittelpunkt. Beruflich fand Kohl schließlich 1968 einen Weg, der zu ihm passte. Er stieg bei den Farbwerken Höchst in die Datenverarbeitung ein, später arbeitete er bei den Didier-Werken in Wiesbaden und dann über viele Jahre bei der heutigen SV Sparkassen Versicherung, wo er bis 2002 tätig war. Dort stellte er Systeme um, leitete Projekte, baute Strukturen auf und bildete Menschen an neuer Technik aus. Wer seinen beruflichen Weg betrachtet, stößt immer wieder auf dieselbe Mischung: analytischer Verstand, organisatorisches Talent und die Fähigkeit, komplizierte Dinge praktisch zu lösen. Er war nicht nur Fachmann, sondern auch Vermittler zwischen Technik und Alltag.
Charakteristisch ist dabei, dass Kohl beruflichen Erfolg nie um jeden Preis suchte. Auch in verantwortlichen Positionen blieb für ihn wichtig, die eigenen Maßstäbe zu wahren und Entscheidungen nicht allein nach taktischen Gesichtspunkten zu treffen. Er wollte benennen, was er für richtig oder falsch hielt, ohne sich dem bloßen Vorteil unterzuordnen. Auch im Beruf blieb er damit dem treu, was ihn anderswo längst auszeichnete: Kompetenz ja, Ehrgeiz auch – aber nicht auf Kosten von Anstand und Verlässlichkeit.
Fast noch deutlicher zeigt sich das in seinem kirchlichen und ehrenamtlichen Engagement. 1970 wurde Kohl als einer von damals fünf Männern zum Kommunionhelfer beauftragt, in einer Zeit, in der die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch in den Gemeinden vieles veränderten. Für ihn war das keine bloße Formalie. Er nahm diese Aufgaben ernst, bereitete sich sorgfältig vor und erfüllte sie mit Ruhe und Ernsthaftigkeit. Einmal, als in einem Gottesdienst kein Priester erschien, improvisierte er nicht hektisch, sondern organisierte besonnen eine Feier mit Kommunionausteilung. Solche Episoden machen verständlich, warum Menschen ihm über Jahre vertrauten: Er bleibt auch dann handlungsfähig, wenn andere erst einmal ratlos sind.
Bauleiter für das Gemeindezentrum
Ähnlich war es beim Neubau des Pfarrhauses und des Gemeindezentrums von St. Gallus. Von 1973 bis 1976 war Kohl Vorsitzender des Vermögensverwaltungsrates; bei der Bauphase übernahm er maßgeblich Verantwortung als weltlicher Bauleiter. Wer darunter eine repräsentative Rolle versteht, liegt falsch. Kohl saß nächtelang über Plänen, fuhr mit Pfarrer Rolf Kaifer zu Besprechungen, diskutierte mit Architekten und achtete darauf, dass das Gebäude nicht nur gut aussieht, sondern im Alltag funktioniert. Ihn interessierte nicht die glatte Fassade, sondern der praktische Nutzen: Wie wird ein Raum wirklich gebraucht? Wie kann er Gemeindezentrum und Sporthalle zugleich sein? Wo wird sauber gearbeitet, wo nicht? Er konnte hartnäckig sein, wenn er den Eindruck hatte, dass Dinge hinter den Kulissen festgezurrt wurden oder an der Nutzung vorbeigingen.
Dasselbe gilt auch für seine Arbeit in der Öffentlichkeitsarbeit der Pfarrei. Im Pfarrgemeinderat war er nicht sofort gewählt, sprang aber im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit ein, als Verantwortung liegenblieb. Später leitete er den Bereich und war verantwortlicher Redakteur des gemeinsamen Pfarrbriefs von St. Gallus und St. Josef. Um diese Verbindung auch nach außen sichtbar zu machen, ließ er eigens ein gemeinsames Logo entwerfen, das die Türme beider Kirchen aufnahm. Er schrieb Texte, organisierte Abläufe, arbeitete nachts an Matrizen und dachte zugleich schon weiter als bis zur eigenen Gemeindegrenze. Dass zwei Pfarreien nicht gegeneinander, sondern gemeinsam kommunizieren sollten, war für ihn keine bloße Idee, sondern eine vorausschauende und praktische Notwendigkeit
Sein Name wird mit der KAB verbunden
Besonders eng verbunden bleibt sein Name mit der KAB Flörsheim. 1969 trat er in den Ortsverein ein, seit 1970 gehört er dem Vorstand an, seit 1976 ist er Vorsitzender. 2026 sind es 50 Jahre an der Spitze – eine außergewöhnliche Kontinuität, selbst in einer Stadt mit reichem Vereinsleben. Kohl selbst macht kein Geheimnis daraus, dass er dieses Amt längst gern in andere Hände legen würde. Er hänge nicht am Posten, sagt er. Im Gegenteil: Nach seiner Überzeugung täte einem Verein nach zehn Jahren an der Spitze ein Wechsel gut. Deshalb habe er schon nach gut acht Jahren begonnen, nach einem Nachfolger zu suchen. Doch genau darin liegt eines der Probleme der Gegenwart: Nachfolger zu finden, die nicht nur organisieren, sondern auch das Selbstverständnis der KAB mittragen, ist schwer geworden.
Denn für Engelbert Kohl war die KAB nie bloß ein Traditionsverein. Er versteht sie als christlich geprägte Interessenvertretung für Arbeitnehmer, Familien, ältere und sozial benachteiligte Menschen – als Ort gelebter Solidarität. Seine Herkunft spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer aus bescheidenen Verhältnissen kommt, Krieg und Mangel in ihren Nachwirkungen erlebt hat und weiß, wie viel Zufall, Hilfe und Fleiß im eigenen Lebensweg stecken, blickt anders auf soziale Fragen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist für ihn kein Schlagwort. Es ist der Kern seines Denkens.
Das wurde auch außerhalb Flörsheims sichtbar. Von 1988 bis 1995 stand Kohl an der Spitze des KAB-Diözesanverbands Limburg. Er übernahm das Amt in einer konfliktreichen Phase, als die Bezirke auseinanderzudriften drohten. Dass es ihm gelang, diese Spannungen zu überbrücken, sagt viel über seine Entwicklung. Der Mann, der in jungen Jahren schneller laut wurde, hatte gelernt, dass Recht haben und Recht bekommen nicht dasselbe ist. Er lernte, Mehrheiten nicht durch Lautstärke, sondern durch Überzeugung zu gewinnen.
Später arbeitete er im KAB-Weltnotwerk mit, zunächst in der Projektgruppe der Kommission zur Mittelverwendung, dann von 2003 bis 2012 im Vorstand. Dort setzte er sich dafür ein, mit begrenzten Mitteln möglichst viel Wirkung zu erzielen. Als er sich stärker einbrachte, standen zunächst rund 250.000 Euro an Spendengeldern zur Verfügung. Durch sorgfältig vorbereitete Projekte und zusätzliche Fördermittel wuchs das Volumen der Hilfe schließlich auf 1,3 Millionen Euro. Dadurch konnten deutlich mehr Vorhaben in Afrika und Südamerika unterstützt werden. Er arbeitete sich tief in Projektanträge ein, fuhr regelmäßig nach Köln und kümmerte sich um Förderanträge und deren Dokumentation. Auch hier zeigt sich die Arbeitsweise, die sein Handeln prägt: viel stille Arbeit, wenig Aufhebens, große Wirkung.
Aus improviisiert werden zehn Jahre
Dass Engelbert Kohl bei all dem nicht nur als Funktionsträger erscheint, zeigen andere Seiten seines Lebens. Zwischen 1992 und 2002 war er für viele Kinder in Flörsheim der Nikolaus auf dem Weihnachtsmarkt. Angefangen hatte das, weil ihn eine lieblos improvisierte Version der Figur ärgerte. Also machte er es selbst. Aus dem einmaligen Einspringen wurden zehn Jahre. Auch das ist typisch: Er sieht, dass etwas nicht gut gemacht ist, und übernimmt es. Nicht für sich, sondern weil er findet, dass die Sache es besser verdient.
Ähnlich verhält es sich mit der KAB-Fastnacht. Für Kohl war sie nie bloß närrisches Beiwerk, sondern Teil einer Gemeinschaft, die von gemeinsamen Werten getragen sein sollte. „Unsere Fastnacht muss sauber bleiben“ – dieser Satz, den Weggefährten mit ihm verbinden, meint bei ihm keinen erhobenen Zeigefinger. Er steht für Respekt vor den Menschen auf, vor und neben der Bühne. Für den Anspruch, offen zu sein, ohne beliebig zu werden; Menschen einzubinden, ohne andere herabzusetzen; Gemeinschaft zu ermöglichen, ohne den eigenen Kompass zu verlieren. Wer ihn näher kennt, beschreibt ihn deshalb als moralische Instanz – nicht streng oder selbstgerecht, sondern als jemanden, der daran erinnert, dass Haltung auch im Alltag zählt.
Zu diesem Bild gehört auch seine Ehe mit seiner Frau Gerda. Ohne sie wäre dieses jahrzehntelange Engagement kaum vollständig zu erzählen. Vieles wurde von ihr mitgetragen und unterstützt. In der KAB wirkte sie selbst als Vertrauensfrau; auch bei den Flohmärkten des Missionsausschusses im katholischen Gemeindezentrum, mit deren Erlös Hilfsprojekte unterstützt wurden, trug sie über viele Jahre ihren Teil bei. Manches, was nach außen mit Engelbert Kohl verbunden wurde, beruhte im Hintergrund auf gemeinsamer Arbeit. Ihr Zusammenspiel folgte weniger einer modern ausgehandelten Arbeitsteilung als einem gewachsenen, generationstypischen Einverständnis: Er brachte Aufgaben mit nach Hause, sie half mit, wo Hilfe gebraucht wurde. Gerade deshalb sollte man ihre Rolle nicht übersehen. Wer das Engagement von Engelbert Kohl beschreibt, beschreibt immer auch ein Stück gemeinsam gelebten Alltag.
Bleibt die Frage, was Engelbert Kohl jenseits seiner vielen Aufgaben für Flörsheim auszeichnet. Vielleicht dies: Er steht für eine Form des Ehrenamts, die heute seltener wird. Nicht projektbezogen, nicht kurzfristig, nicht auf Sichtbarkeit angelegt, sondern dauerhaft, verbindlich und an Werten orientiert. Er ist keiner, der sich in großen Worten gefällt. Eher einer, der Strukturen trägt, Konflikte aushält, Dinge zusammenhält und auch dann bleibt, wenn es mühsam wird.
In einer Zeit, in der Bindungen schwächer werden, Vereine um Nachwuchs kämpfen und Kirche für viele an Selbstverständlichkeit verloren hat, wirkt so ein Lebensweg fast aus der Zeit gefallen. Engelbert Kohl ist dennoch kein Mann der bloßen Rückschau. Er weiß um die Schwierigkeiten, spricht sie offen an und hält trotzdem an dem fest, was ihm wichtig ist. Nicht starr, nicht ideologisch, sondern aus dem Wunsch heraus, etwas zu bewahren und weiterzugeben, das über ihn selbst hinausweist.

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