Die Geschichte jeder Stadt kennt ihre Männer und Frauen, die ihre Kommune auf eine besonders Art positiv geprägt haben. Das Rezept schlechthin, eine Auszeichnung als Ehrenbürgerin oder Ehrenbürger der Stadt Flörsheim zu ergattern, gibt es nicht, aber bei den sieben Personen, die das bisher schafften, zeigen sich im Wesentlichen zwei Wege. Der einfache: die Stadt mit großzügigem Mäzenatentum für sich einzunehmen. Der aufwendigere, Achtung anstrengend: über Jahrzehnte hinweg die Entwicklung der Stadt in führender Rolle zu prägen.
Für Bürgermeister Bernd Blisch ist es als Historiker und Vorsitzender des Heimatvereins natürlich Pflicht, die Liste der Hochverdienten zu kennen. Bei einem gut besuchten Vortrag in der Kulturscheune stellte er die nun die sieben Personen vor, schilderte ihre Leistungen und ihr Wirken in Flörsheim. Aber obwohl er nun auch schon das eine oder andere Jahrzehnt in seiner Heimatstadt aktiv ist, hat er nur einen einzigen der Flörsheimer Ehrenbürger persönlich gekannt. Denn die Stadt war schon immer etwas knausrig mit der Verleihung dieser Auszeichnung. Seit einem Hoch in den Nachkriegsjahren – bis 1955 wurden alleine vier Ehrungen durchgeführt – gab es nur noch einen einzigen weiteren Ausgezeichneten: der in diesen Tagen 95 Jahren alt gewordene Mathäus Lauck, der damit auch der einzige lebende Ehrenbürger der Stadt ist. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht zum Vortrag kommen, der Bürgermeister richtete Lauck über dessen Sohn aber die Glückwünsche zum Geburtstag aus.
Während die Stadt jederzeit ihre Straßen nach verdienten Persönlichkeiten der Stadtgeschichte benennen kann, um so nicht nur den Herren Goethe (in Wicker) und Schiller (in Weilbach), sondern lokalen Prominenten ein ewiges Andenken zu verschaffen, sieht die Ehrenordnung der Stadt die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an lebende Personen vor. Manche Leistung wird erst im Nachhinein in der gebührenden Tragweite erkannt, da kann es dann aber zu spät sein.
Gustav und Rudolf Dyckerhoff
Die erste Erhebung zu Ehrenbürgern wurde im Jahr 1914 den Brüdern Gustav und Rudolf Dyckerhoff zugesprochen. Das war nun ein klarer Fall einer Auszeichnung dank Mäzenatentum. Anlass war, dass die Gründer der Zementfabrik in Amöneburg in jenem Jahr das 50-jährige Bestehen ihres Unternehmens feiern durften. Eine Verbindung nach Flörsheim gab es freilich schon: Die Amöneburger hatten 1885 den hiesigen Kalksteinbruch übernommen, um die Jahrhundertwende waren rund 100 Arbeiter in Flörsheim bei Dyckerhoff in Lohn und Brot.
Das alleine war noch kein Grund für die Auszeichnung. Aber die Dyckerhoffs bauten für ihre Angestellten drei Häuser mit zwölf Wohnungen und spendeten im selben Jahr – das war dann womöglich entscheidend – auch 10.000 Reichsmark für den Bau eines „Volksbads“ im Untergeschoss des Riedschulen-Neubaus. Anlässlich des Jubiläums 1914 kamen nochmal 5.000 Mark in Flörsheim an. Nach Tipp des Mainzer Oberbürgermeisters beauftragte die Stadt den künstlerischen Entwurf des Ehrenbürgerbriefs bei der Kunstgewerbeschule und ließ sie in der Hofdruckerei Philipp von Zabern herstellen. Machte 140 Mark in die Kasse der Druckerei, die die Gemeindevertretung genehmigte.
Die edle Urkunde samt Ledermappe überreichte Bürgermeister Jakob Lauck dem 76-jährigen Gustav und dem 72-jährigen Rudolf Dyckerhoff während der Jubiläumsfeier des Unternehmens in Wiesbaden.
Georg von Opel
Bis der dritte Ehrenbürger ernannt war, hatte Deutschland zwei Weltkriege verloren und zwischendurch die Weimarer Republik an die Wand gefahren. Eine Leistung zum Nutzen der Stadt hätte diese unter anderen Umständen auf jeden Fall mit der Auszeichnung beantwortet, vermutet Blisch. Der Arzt Mathias Klober hätte sie durch den finanziellen Anstoß zum Bau des ersten Flörsheimer Krankenhauses an der Stelle des heutigen Gesundheitscampus allemal verdient gehabt, doch das Geld stammte aus seinem Erbe – der Heilsbringer war schon tot, als die Flörsheimer dankbar werden konnten.
Weil Flörsheim sich im Gegensatz zu rund 4000 anderen deutsche Kommunen nicht dazu herabließ, Adolf Hitler oder anderen Nazi-Größen die Ehrenbürgerwürde anzudienen, wie Blisch hervorhob, dauerte es bis 1949, ehe das Küren des zweiten Ehrenbürgers anstand, und auch hier zählte das Geld des Spenders. Georg von Opel hatte mit Flörsheim schon über seine aktive Rolle im Ruderverein eine enge Verbindung.
Der Erbe des Autobauers finanzierte den Bau der heutigen Opelbrücke und der Kriegergedächtniskapelle. Reif für die Ehrenbürgerwürde war er wohl, als er 1948 eine Wettschuld einlöste und nach dem Gewinn einer Deutschen Meisterschaft mit dem Ruder-Achter den Neubau des FRV-Ruderheims finanzierte. Als das Gebäude 1948 fertiggestellt wurde, drückte Bürgermeister Jakob Merkel dem Firmenerben auch schon die Urkunde in die Hand.
Andreas Schwarz und Philipp Schneider
Gleich zwei verdiente Bürger zeichnete die Stadt im Jahr 1953 im Rahmen der Feierlichkeiten zur Stadternennung Flörsheims aus. Die feierte die zu Höherem erkorene Gemeinde im September eine ganze Woche lang. Der Festakt am 13. September zeichnete zwei langjährige Flörsheimer Kommunalpolitiker in Gemeindevertretung und Gemeindevorstand. Es war im Falle von Andreas Schwarz wie von Philipp Schneider eine Würdigung hoch betagter Bürger, die sich schon in vordemokratischen Zeiten für die Kommunalpolitik eingesetzt hatten. Jahrgang 1869, bei der Auszeichnung also 84 Jahre zählend, war der gebürtige Flörsheimer und Binnenschiffer Schwarz seit 1890 SPD-Mitglied und vom 1900 bis 1919 Ortvereinschef seiner Partei. 1908 war er erster Sozialdemokrat im Flörsheimer Gemeinderat, saß seit den 1920er-Jahren auch im Kreistag, doch 1933 endete mit der Demokratie in Deutschland auch seine politische Betätigung.
Sieben Jahre jünger war Philipp Schneider, 1876 ebenfalls in Flörsheim geboren und von Beruf Schlossermeister. Er begann im späten Kaiserreich mit der Politik, dies bei der Zentrumspartei, in deren Tradition sich die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete CDU sah. Er war ebenfalls in Gemeindevertretung und Gemeindevorstand seiner Heimatstadt aktiv, auch bei ihm bedeutete die Machtergreifung der Nazis das Ende der politischen Aktivitäten. Doch er fand im 1924 gegründeten Heimatverein ein ehrenamtliches Betätigungsfeld jenseits der aktuellen Politik, durch den Tod des Vorsitzenden Jakob Lauck im Jahr 1933 konnte er sogleich die führende Rolle übernehmen.
Schneider schrieb fleißig Aufsätze und Artikel, auch in der Flörsheimer Zeitung, zu historischen Themen und blieb auch mit einem Theaterstück „Der Schwedenschreck“ in seinem Fach. Blisch vermutet, dass die Stadtverordnetenversammlung mit der Ernennung dieser Ehrenbürger vor allem politisches Engagement der Weimarer Zeit ehren wollte und auch nicht zufällig je einen Vertreter aus der sozialdemokratischen und der christdemokratischen Partei auswählte. Aussagen dazu ließen sich allerdings nicht finden.
Interessant findet Blisch den Umstand, dass bei der Ehrung Schneiders durch Bürgermeister Merkel sich zwei CDU-Mitglieder die Hand schüttelten, die in den 20er-Jahren ganz gegensätzliche politische Ziele verfolgten, denn Merkel war ein führender Kopf der hiesigen Separatistenszene nach dem Ersten Weltkrieg, die das Rheinland in Frankreich integriert sehen wollte und 1923 gar Bürgermeister Lauck absetzte.
Jakob Altmeier
Die für lange Zeit letzte Ehrenbürgerverleihung galt am 12. März 1955, an dem übrigens auch Andreas Schwarz starb, dem im Gegensatz zu den vor ihm Geehrten heute vielen noch bekannten Jakob Altmeier. Am 23. November 1889 in Flörsheim geboren, wurde hier ebenfalls eine Lebensleistung ausgezeichnet, wobei seine aktuelle Funktion als Bundestagsabgeordneter nicht so entscheidend war. Aus einer alteingesessenen jüdischen Familie stammend, war er als Journalist, SPD-Politiker und Gegner des Nationalsozialismus ins Exil gezwungen. Im Jahr 1949 folgte er dem Wunsch Kurt Schuhmachers, zurückzukehren, für den Wahlkreis Hanau zog er in den Deutschen Bundestag ein.
Altmeiers Thema seien auch die Aussöhnung von Israel und Deutschland sowie das Thema „Wiedergutmachung“ gewesen, erläuterte Blisch. Für Konrad Adenauer stellte er Kontakte zur israelischen Regierung her und handelte das 1952 unterzeichnete Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen mit aus.
Für die Flörsheimer wichtig und die Ehrenbügerwürde alleine wert war es, dass Altmeier seine Flörsheimer Wurzeln stets pflegte, so sehr, dass er auf dem Flörsheimer jüdischen Friedhof beigesetzt werden wollte. Der SPD-Antrag zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft wurde im Januar 1955 einstimmig angenommen.
Dass die Stadt einen Weltbürger hervorgebracht hatte und ehren wollte, stand dabei weniger im Fokus, erläuterte Blisch. „Für Flörsheim war er eher der Autor des ,Gänskippelschorsch’ und jüdische Sohn der Stadt, der seiner Heimatstadt bald nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung reichte“.
Mathäus Lauck
Aus irgendwelchen Gründen sahen die Flörsheimer anschließend lange Jahre keinen Grund mehr, verdiente Bürger auszuzeichnen, erst 2011 war es wieder so weit. Anlass war der 80. Geburtstag des langjährigen Stadtverordnetenvorstehers Mathäus Lauck, der mit der Entscheidung, in jenem Jahr nicht mehr für den Landtag zu kandidieren, nach 62 Jahren aus der Politik ausschied, über 50 Jahre war er für die CDU im Landkreis und in der Stadt Mandatsträger.
Der klassische Fall eines langjährigen, verdienten Lokalpolitikers, der von 1960 bis 2001 der Stadtverordnetenversammlung angehörte und ihr von 1968 bis 1989 vorstand. Seit 14 Jahren füllte er zum Zeitpunkt der Ehrung die Rolle des Kreistagsvorsitzenden aus. Blisch nannte als Verdienste Laucks die von ihm geleiteten Verhandlungen zur Gebietsreform, mit der die neue Stadt Flörsheim mit Weilbach und Wicker als Stadtteile entstand. Auch die Gründung der GRKW zur Rekultivierung der Weilbacher Kiesgruben sowie der Regionalpark Pilot GmbH prägte er mit.
Wann wird es das nächste Mal so weit sein, dass die Stadtverordnetenversammlung eine Flörsheimer Persönlichkeit der Ehrenbürgerwürde für würdig hält? Vielleicht sogar erstmals eine Frau? Es ist in der heutigen Zeit schwieriger geworden, vergleichbare Biografien zu finden, aktuell ist ein Vorschlag nicht zu erwarten. Er werde auch immer wieder gefragt, warum die Bürgermeister Anna oder Wolf nicht zu Ehrenbürgern Flörsheims wurden, „obwohl sie doch unzweifelhaft sehr viel für diese Stadt getan haben“. Der Unterschied zu Lauck sei eben, dass sie im Hauptamt für die Stadt tätig waren. „Das schmälert nicht ihre Leistung, macht aber einen Unterschied zu den vielen, die ehrenamtlich in der Politik tätig sind.“

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