Auf der Donau ist der Schiffsverkehr inzwischen eingestellt, auf dem Rhein fahren die Frachter mit halber oder noch geringerer Lademenge. Wer diese Tage am Flörsheimer Mainufer steht, bekommt von der kleinen wirtschaftlichen Katastrophe der Transportwirtschaft wenig mit. Die 34 Staustufen zwischen Bamberg und Kostheim sorgen dafür, dass weniger Wasser in den Rhein abfließt als bei einem freien, unregulierten Fluss.
Niederiger als gewöhnlich ist gleichwohl der Wasserstand auch am hiesigen Pegel Raunheim, schließlich darbt der Zufluss aus den 101 Flüssen und Bächen entlang der 527 Kilometer Fließstrecke durch die allgemeine Trockenheit nicht unerheblich. 211 Kubikmeter Wasser pro Sekunde gibt der Main im Mittel an den Rhein ab, am Pegel Raunheim beträgt der Jahres-Mittelwert 145 Zentimeter. Dieser war am Dienstagabend bei 114 Zentimetern um mehr als 30 Zentimeter unterschritten, auch der mittlere Wert während Niedrigwasserstand von 118 Zentimetern.
Im Jahresverlauf schwankt der Pegel Raunheim fast durchweg zwischen 120 und 160 Zentimetern, da ist der aktuelle Wert daher nicht dramatisch niedriger. Eindrücklich wird die Situation unter Berücksichtigung des Fakts, dass die erste Hochwasser-Meldestufe in Raunheim bei 300 Zentimetern liegt, der mittlere Wasserstand in Hochwasserphasen liegt bei 374 Zentimetern – das sind dann doch gewaltige Unterschiede. Und der höchste jemals am Pegel gemessene Wert schwebt nochmal in einer ganz anderen Dimension, gemessen am 31. Januar 1995 mit sage und schreibe 563 Zentimetern. Man stelle sich ans Flörsheimer Mainufer und denke sich eine rund 4,50 Meter hohe Wassersäule auf den Flusspegel obendrauf...
Am Flörsheimer Mainufer gibt es seit Neuestem eine verlässliche Messstelle, die anzeigt, wann das Wasser im Fluss knapp wird: Zu Fuße des neuen Treppenabgangs war in dieser Woche die Planschzone, die einst eine kleine Badezone werden sollte, immer wieder ausgetrocknet. Doch noch fahren Frachtschiffe flussabwärts, wenn auch vermutlich ungewollt mit reduzierter Lademenge. Der Pegel benennt nicht den möglichen Tiefgang der Schiffe, da in der Flussmitte der Boden tiefer liegt als an der Messstelle am Ufer. Doch der Spielraum verringert sich mit jeden Zentimeter, der auch am Pegel weniger gemessen wird.
Die aus genannten Gründen immer noch relativ komfortable Situation auf dem Man nutzt den Unternehmen möglicherweise recht bald nichts mehr. Denn die Städte und Kommunen entlang des Flusses sind (mit Ausnahme von Frankfurt) in den seltensten Fällen Zielort der Fahrten, vielmehr gilt die Reise Zielen flussaufwärts oder -abwärts entlang des Rheins. Doch wenn dort wegen des Niedrigwassers kein Schiffsverkehr mehr möglich ist, werden die Frachter erst gar nicht den Main hinuntergeschickt. Für Rhein, Donau und Main gilt zudem: Fahrten mit reduzierter Lademenge sind weniger wirtschaftlich und machen daher ab einer gewissen Einschränkung auch keinen Sinn mehr.
Mitte vergangener Woche wurde mit einem Tiefstwert von 106 Zentimetern am Donnerstagmittag der offiziell geführte Rekordwert von 111 Zentimetern (am 11. August 1992) kurzfristig klar unterschritten. Der Wert an diesem Dienstag bewegte sich genau auf Höhe dieses bisherigen Tiefstwerts am Pegel. In Mainz wurden am Dienstagabend nur noch 120 Zentimeter Wassertiefe gemessen, noch zehn Zentimeter über den dortigen Minuswert von 110 Zentimetern aus dem November 1947. Der Mittelwert in Mainz beträgt 288 Zentimeter. Ganz übel sah es am Dienstagmorgen am Pegel Kaub aus, wo angesichts von gerade noch 21 Zentimetern Wasserstand nichts mehr ging. Schifffahrt ist auch dort weiterhin eingeschränkt möglich, weil die Tiefe der Fahrrinne im Fluss immer noch 130 bis 140 Zentimeter beträgt bei diesem Wert – für größere Schiffe freilich ein Problem.
Weite Teile des Flussbettes sind am Mittelrhein trockengefallen, Rekordwerte purzeln auch dort. Die komplette Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein könnte kommen und auch dem Verkehr auf dem Main den Stecker ziehen. Es sind rekordverdächtige Zeiten auf Deutschlands Flüssen, nicht zum Guten von Reedern und Natur. Einziger Trost: Die Becken füllen sich recht schnell wieder auf, wenn es mal flächenmäßig regnet. Da ist allerdings bisher kein deutlicher, nachhaltiger Umschwung zu erwarten.
Nicht zum Guten der Natur, hieß es eben, denn ein weiteres, weniger sichtbares Problem durch die geringeren Wassermengen im Fluss ist die hohe Wassertemperatur des Mains von inzwischen rund 26 Grad. Das beeinträchtigt die Sauerstoffsättigung des Wassers so stark, dass die Fische Schnappatmung bekommen und um ihr Leben kämpfen. Das hat damit zu tun, dass sie als wechselwarme Tiere auf steigende Temperaturen mit einem höheren Stoffwechsel und damit höheren Bedarf an Sauerstoff reagieren. Sie suchen dann an den Ufern nach besseren Bedingungen, da der Sauerstoffgehalt an der Oberfläche und in bewegten Zonen noch am höchsten ist. In Tümpeln oder kleinen Seen könnte man zum Beispiel über eine künstliche Luftzufuhr Abhilfe schaffen und so ein Umkippen des Gewässers verhindern. An Flüssen der Größenordnung des Mains mit seiner Fließgeschwindigkeit ist das natürlich keine Option.



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