Besonders an den Wochenenden ist Alexandre Bytchkov ständig unterwegs, um als freischaffender Musiker die Menschen für sein Instrument zu begeistern. Vielleicht hat der in St. Petersburg geborene, seit 30 Jahren in Mainz lebende Dozent am Peter-Cornelius-Konservatorium einen guten Beitrag dazu geleistet, dass das Akkordeon zum Instrument des Jahres 2026 gekürt wurde. In der evangelischen Kirche waren die Bänke gut gefüllt, als Bytchkov am Sonntagabend ein Solokonzert gab, das klassische Stücke aus mehreren Jahrhunderten in einer besonderen, zur Hälfte von ihm selbst bearbeiteten Version präsentierte.
Der 70-jährige ist ein Purist, dem es ganz darum geht, seine Instrumente akustisch glänzen zu lassen. Nur in kurzen Worten kündigte er die Stücke an, als er vom Hightech-Gerät mit Konverter zum Freebass-Instrument wechselte. Beim Erwerb macht die technische Ausstattung schon mal einen enormen Unterschied, was den Kaufpreis angeht, aber ein Profi wie Bytchkov holt selbstverständlich aus allen Instrumenten das Beste heraus.
„Von Klassik bis Astor Piazzolla“, lautete der Untertitel des Konzerts, denn die Spannweite der Komponisten reichte vom italienischen Sangesmeister Giulio Caccini (1551-1618), der fast 300 Jahre vor der Erfindung des Akkordeons wirkte, bis zum 1940 geborenen, zeitgenössischen Komponisten Yuri Peschkov, aber eben auch Piazzolla (1921-1992), einem argentinischen Bandoneon-Meister und Tango-Komponisten.
Es wird schnell klar: Das Akkordeon ist von den Eigenarten verschiedener Musikstile nicht aufzuhalten. Bytchkov wählte einige ruhigere Stücke aus, die dem Instrument mehr Zeit geben, die Akkorde durchdringen zu lassen. Zum Einstieg ins Konzert allerdings war Johann Sebastian Bachs „Toccata“, das bekannteste Orgelwerk überhaupt, das der Kirchenmusiker hinterlassen hat, ein Stück, dass die Beweglichkeit der Finger auf den Tastenleiste stark fordert.
Es folgte Caccinis „Ave Maria“, eigentlich auch ein Chorstück, das eine ausgesprochen gediegene und sinnliche Stimmung schafft, die das Akkordeon nicht in der vergleichbaren Tiefe abbilden kann. Besser klappt das mit Franz Schuberts (1797-1828) ebenfalls sehr ruhigen „Schwanengesang“-Serenade.
Dann legte Bytchkov eine Heimattour ein, mit der „Romanze“ von Georgy Svirdov (1915-1998) in seinem eigenen Arrangement sowie ein wie für die Akkordeonbearbeitung geschaffenes Stück Peschkovs „Da eilt die Postkutsche“, in Wirklichkeit ein altes russisches Lied, bei dem den Zuhörern die über die holprigen Straßen ratternden Räder des alten Gefährts direkt in den Sinn kommen.
Auch ein fetziger Tango-Sound lässt sich auf dem Akkordeon wunderbar vortragen, Piazzollas „Libertango“ wurde schließlich für die kleine Schwester Bandoneon komponiert. Im Nachbarland Brasilien komponierte Zequinha de Abreu das weltbekannte „Tico-Tico no Fubá“, bei dem Bytchkov wieder ordentlich Gas geben musste – und zeigte, dass er das Spiel mit dem sich steigernden Tempo bis zum gefühlt schnellsten Stück der Welt beherrscht.
Das Programm schloss mit Antonio Vivaldis Finale des „Konzerts in d-Moll“, bei dem Bytchkov zeigte, dass er in der Lage ist, den Geist eines für Streichinstrumente komponierten Stücks aus Zeiten weit vor dem Auftauchen des Akkordeons zu übertragen. Mit dem entsprechendem Talent zum Arrangement, das er auch in diesem Fall selbst besorgte, .

Kommentare