Das vielfältige jüdische Erbe am Rhein

Vortrag in der Kulturscheune beleuchtete die SchUM-UNESCO-Welterbestätten

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Mit einem bewussten Perspektivwechsel hat die Stadt Flörsheim den Gedenktag am 27. Januar begangen. In der Kulturscheune am Rathausplatz sprach Birgit Kita, Geschäftsführerin des SchUM-Städte Speyer, Worms, Mainz e.V., über die jüdischen Welterbestätten von Speyer, Worms und Mainz – Orte, die seit 2021 zum UNESCO-Welterbe gehören und als erstes jüdisches Welterbe Deutschlands gelten. Rund um den Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz rückte der Abend nicht nur das Gedenken an Verfolgung und Vernichtung in den Fokus, sondern auch die lange, reiche Geschichte jüdischen Lebens am Rhein.

Zur Begrüßung machte Kulturamtsleiter Christopher Naumann deutlich, warum sich die Stadt in diesem Jahr für diesen Zugang entschieden hatte. „Der 27. Januar ist ein Tag der Erinnerung an die Shoah“, sagte er. „Gerade deshalb ist es uns wichtig, auch das reiche jüdische Erbe sichtbar zu machen, das wir hier vor Ort und in unserer Region haben.“ Erinnerung bedeute nicht allein Rückschau auf das Leid, sondern auch das Bewahren kultureller Leistungen, die über Jahrhunderte entstanden seien.

Birgit Kita nahm die rund 25 Zuhörer anschließend mit auf eine Reise durch mehr als tausend Jahre jüdischer Geschichte. Die sogenannten SchUM-Städte – Speyer, Worms und Mainz – bildeten im Mittelalter einen einzigartigen Gemeindeverbund, dessen Name sich aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Städte zusammensetzt. Von hier aus entwickelte sich das aschkenasische Judentum, dessen religiöse Regeln, Rechtsauffassungen und Lehrtraditionen bis heute prägend sind. „SchUM ist weit mehr als ein Ensemble aus alten Mauern“, betonte Kita. „Diese Orte erzählen von Gelehrsamkeit, Gemeinschaft und Glauben, aber auch von Ausgrenzung, Gewalt und Zerstörung.“

Anschaulich schilderte die Referentin, wie sich jüdisches Leben entlang des Rheins entwickelte. Bereits in der Antike seien Juden in römischen Siedlungen nachweisbar, im 10. und 11. Jahrhundert erlebten die Gemeinden dann ihre erste große Blüte. Die Nähe zu Handelswegen, der Schutz durch kirchliche und weltliche Herrscher sowie die hohe Bildung vieler jüdischer Kaufleute und Gelehrter hätten diese Entwicklung begünstigt. Synagogen, Lehrhäuser, Ritualbäder und Friedhöfe zeugten noch heute von dieser Zeit.

Besonders eindrucksvoll seien die baulichen Zeugnisse, die heute zum UNESCO-Welterbe zählen. Die Mikwe in Speyer, die im frühen 12. Jahrhundert rund elf Meter tief in den Boden gegraben wurde, zählt zu den ältesten erhaltenen jüdischen Ritualbädern Europas und zeugt von der religiösen Bedeutung ritueller Reinheit im mittelalterlichen Alltag.

In Worms bildet der jüdische Bezirk mit Synagoge, Frauenschule und dem Friedhof „Heiliger Sand“ eines der vollständigsten erhaltenen Zentren jüdischen Lebens auf dem Kontinent – ein Ort, an dem sich Gebet, Bildung und Bestattung räumlich bis heute ablesen lassen.

In Mainz wiederum lasse sich jüdische Geschichte vor allem anhand schriftlicher Quellen bedeutender Gelehrter sowie archäologischer Spuren nachvollziehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der alte jüdische Friedhof "Judensand", einer der ältesten jüdischen Friedhöfe Europas, dessen Grabsteine bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen und die einstige Bedeutung der Mainzer Gemeinde als geistiges Zentrum des mittelalterlichen Judentums belegen. „Gerade diese Orte machen Geschichte greifbar“, sagte Kita. „Sie zeigen, wie eng jüdisches und christliches Leben über Jahrhunderte miteinander verflochten waren.“

Dabei blendete sie die dunklen Kapitel nicht aus. Pogrome im Mittelalter, Vertreibungen und schließlich die systematische Vernichtung jüdischen Lebens während der NS-Zeit seien Teil dieser Geschichte. Die Zerstörung der Wormser Synagoge in der Pogromnacht 1938 und ihr Wiederaufbau in den späten 1950er-Jahren stünden beispielhaft für Brüche, aber auch für den Versuch, kulturelle Identität zurückzugewinnen. Dass die UNESCO diesen Wiederaufbau als authentisch anerkenne, sei ein bewusstes Zeichen dafür, dass auch Zerstörung und der Umgang mit Verlust zur Geschichte des Welterbes gehören.

Der Vortrag machte deutlich, warum die SchUM-Stätten international als einzigartig gelten. Ihre Dichte, ihr Erhaltungszustand und ihr nachhaltiger Einfluss auf Architektur, Religion und jüdisches Recht seien in dieser Form außergewöhnlich. Zugleich sei das Welterbe kein abgeschlossener Blick in die Vergangenheit. „Diese Orte fordern uns auf hinzuschauen, zu lernen und Verantwortung zu übernehmen“, sagte Kita zum Abschluss.

Mit vielen neuen Eindrücken und einer lebhaften Fragerunde endete ein Abend, der den Gedenktag in Flörsheim bewusst erweitert hat – um den Blick auf eine Kultur, die das Rheinland über Jahrhunderte geprägt hat und deren Spuren bis heute sichtbar sind. Weitere Informationen unter https://schumstaedte.de/

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