Die besondere Freizeitgestaltung

Ursula und Bernd Zürn: Müllsammeln an einem Frühlings-Vormittag

pm

Dienstag, 24. März, 10:15 Uhr. Ideales Frühlingswetter. Beneidenswert, wer da nicht arbeiten muss, gemütlich Zeitung lesen, Radio hören, spazieren gehen kann. Oder einfach nur in der Sonne vor sich hindösen.

Eine ganz andere Freizeitgestaltung hat das Weilbacher Ehepaar Ursula und Bernd Zürn an diesem Morgen gewählt: Ein kleine Radtour an den Bahnhof Eddersheim. Im Gepäck haben sie Besen, Kehrblech, Rechen, Müllsäcke, Baueimer und – ganz wichtig – feste Schuhe und Arbeitshandschuhe. Außerdem einen großen Fahrradanhänger zum Abtransport ihrer „Beute“. Die besteht aus Verpackungsmüll, Flaschen, Dosen, Papier, Folien, Glasscherben und – wie immer – einer Unmenge von Zigarettenkippen. Kurzum: Alles, was ‚nette‘ Zeitgenossen bewusst oder unbewusst in unsere Umwelt werfen.

Nicht nur der Rücken tut weh

„Mir tut dieser Anblick weh!“, begründet die 84-jährige Urgroßmutter Ursula ihren Einsatz. Weh tut ihr aber auch der Rücken, wenn sie sich gut drei Stunden lang immer wieder bückt, um eine Kippe oder ein Stückchen Folie aufzuheben. „Früher hatte ich damit keine Probleme“, so ihr Rückblick auf mehr als 20 Jahre ihrer Müllsammelaktionen. Dazu kommen seit mehr als zwei Jahren die ständigen Schmerzen einer Post-Zoster-Neuralgie (PZN) als Folge einer Gürtelrose. Jedes Bücken wird dann zu einer schmerzhaften Überwindung.

Bußgelder sind nur zahnlose Tiger

Wenn es im Grünbereich des Bahnhofs extrem dornig wird, lässt sie ihrem Ehemann Bernd Zürn gerne den Vortritt. Er betreibt dieses „Geschäft“ inzwischen schon seit dem Jahr 1984. Sein Fazit aus mehr als vier Jahrzehnten: „Es ist schlimmer geworden! Besonders zugenommen hat der Verpackungsmüll für Fertigspeisen, Süßigkeiten und Getränke. Und die Unmengen weggeworfener Zigarettenkippen“. Das ärgert den Umweltschützer besonders, denn sie belasten die Umwelt extrem.

Eigentlich sollten sie auch den Geldbeutel der Verursacher stark belasten: Der Bußgeldkatalog der meisten hessischen Gemeinden sieht nämlich drastische Strafen vor. Eine weggeworfene Kippe kann zwischen 50 und 120 Euro kosten. Wesentlich teurer wird es, wenn man auf einem Spielplatz erwischt wird: bis zu 250 Euro. Wiederholungstäter müssen mit einer Verdoppelung rechnen.

Angesichts der Unmengen weggeworfener Kippen sind diese Strafen aber nur zahnlose Papiertiger, schließt das Weilbacher Urgroßelternpaar. Das plant – natürlich – schon seinen nächsten Einsatz. Dann auf der Südseite des Eddersheimer Bahnhofs. Dass ihre Tätigkeit irgendwann einmal überflüssig wird ist leider nur ein frommer Wunsch.

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Sicherheitsprüfung
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.


X