Bewegender Vortrag eines Zeitzeugen

Gerhard Wiese sprach an der Heinrich-Böll-Schule über die Frankfurter Auschwitzprozesse

mpk

Das Interesse war gewaltig, die Plätze in der Aula der Heinrich-Böll-Schule reichten am Abend des Mittwochs vergangener Woche, 11. März, nicht aus, einige Zuschauerinnen und Zuschauer mussten den Vortrag des Zeitzeugen Gerhard Wiese über die Frankfurter Auschwitzprozesse deshalb im Stehen verfolgen.

Der 97-jährige Gerhard Wiese, gebürtiger Berliner, ist einer der wenigen heute noch lebenden Hauptakteure eben jener geschichtsträchtigen Prozesse, die am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal des Frankfurter Römers begannen. Der junge Staatsanwalt Wiese wurde damals von Fritz Bauer engagiert und wirkte dabei mit, die Verbrechen der Nazis im Vernichtungslager Auschwitz juristisch aufzuarbeiten. Dieser erste Auschwitzprozess war und ist eines der bedeutsamsten Ereignisse in der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik: Das Ausmaß des Holocaust wurde in den Fokus der Gesellschaft gerückt, Überlebenden wurde eine Stimme gegeben und Täter wurden vor Gericht gestellt. Und Gerhard Wiese erlebte das alles aus nächster Nähe mit und wird auch im hohen Alter nicht müde, seine Geschichte im Rahmen von Vorträgen weiterzuerzählen.

Wiese erinnerte daran, dass viele Zeugen, die Auschwitz als Opfer und Häftlinge erlebt und tatsächlich auch überlebt haben, zu diesen Prozessen erstmals wieder nach Kriegsende nach Deutschland reisten. Verdrängtes mussten sie wieder an die Oberfläche holen, um ihre Zeugenaussagen machen zu können. Und das in einem neuen Umfeld, in dem plötzlich um sie herum wieder nur Deutsch gesprochen wurde, die Sprache ihrer einstigen Peiniger. Die psychische Belastung war nachvollziehbarer Weise groß, und man bemühte sich um eine bestmögliche Betreuung und Unterstützung der Zeuginnen und Zeugen.

Was diese zu berichten hatten, schockierte auch das Tag für Tag zahlreiche Publikum, das den Prozess live verfolgte. Eine Zeugenaussage ist Wiese dabei besonders in Erinnerung geblieben. Dr. Mauritius Berner aus Ungarn, seines Zeichens Arzt, kam an Pfingsten 1944 als Jude mit seiner Familie nach Auschwitz, als die Transporte der ungarischen Juden ins Vernichtungslager rollten. Dort angekommen, fand auf der Rampe direkt die Selektion statt: Ins Lager - oder direkt ins Gas. Während ein Häftlingskommando sich um das Gepäck der Verschleppten kümmerte, entschieden SS-Offiziere über Leben und Tod. Dr. Berner erkannte einen jener SS-Offiziere: Victor Capesius, ein früherer Pharmavertreter der IG Farben, mit dem Dr. Berner vor dem Krieg beruflich zu tun hatte. Selbst dessen Visitenkarte trug er immer noch bei sich. Dr. Berner fragte Capesius, ob seine Frau und seine drei Töchter - darunter ein Zwillingspaar - mit ins Lager kommen könnten.

Beim Stichwort "Zwillinge" wurde Capesius hellhörig. Er ließ sich die beiden Kinder bringen und ging zu Josef Mengele, der im Lager unter anderem Zwillingsforschung betrieb. Mengele sah die Zwillinge - und winkte nur ab, sie passten gerade nicht in dessen Versuchsschema. Damit war das Schicksal der Familie von Dr. Berner besiegelt: Frau und Kinder wurden direkt vergast.

Gerhard Wiese berichtete, dass es nach dieser Zeugenaussage im Gerichtssaal mucksmäuschenstill war und es einige Zeit dauerte, bis sich der übliche Geräuschpegel so langsam wieder einstellte. Die bedrückende Aussage ging allen unter die Haut.

Schätzungen zufolge bezahlten fast 3.000 Zwillinge Mengeles Experimente mit ihrem Leben.

Zu den Aufgaben von Victor Capesius zählte es auch, den Toten das Zahngold herauszubrechen und nach Berlin zu schaffen.

Capesius wurde 1965 zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt, nach Anrechnung der Untersuchungshaft wurde er 1968 aus dem Gefängnis entlassen und starb 1985 in Göppingen.

Natürlich ging es auch an Wiese selbst nicht spurlos vorbei, dass er über Jahre hinweg von morgens bis abends nur mit Mord und Totschlag im Rahmen eines Völkermords konfrontiert wurde. Er war immer froh, wenn er nach einem anstrengenden Tag im Büro oder später im Sitzungssaal mit der überfüllten Straßenbahn nach Hause fahren durfte, das normale Leben um ihn herum also wieder stattfand. Gleichzeitig bildete sich aber auch ein "inneres Schutzschild", er stumpfte ab und gewöhnte sich ein Stück weit an die Inhalte des Prozesses - einfach weil er es musste, um weiter seine wichtige Arbeit ausüben zu können.

Insgesamt gab es beim ersten Auschwitzprozess 22 Angeklagte. Dabei wurden sechs lebenslange Zuchthausstrafen verhängt, in drei Fällen kam es auch zu Freisprüchen aus Mangel an Beweisen. So gab es beispielsweise drei Lagerzahnärzte der SS in Auschwitz. Für die Staatsanwaltschaft war damals völlig klar, dass jeder SS-Offizier in Auschwitz im Frühjahr 1944 Dienst auf der Rampe machen musste. Damals wurden binnen vier Wochen 400.000 ungarische Juden nach Auschwitz gebracht, das Pensum der Ermordungen war gewaltig. Jedoch wurde nur einer der Zahnärzte auf der Rampe von einem Zeugen aus dem Häftlingskommando identifiziert - die anderen beiden nicht. Diese beiden wurden somit freigesprochen.

Nach dem Vortrag hatte das Publikum die Gelegenheit, Fragen an Gerhard Wiese zu richten. Eine Frage zielte darauf ab, was die junge Generation dazu beitragen kann, damit so etwas nie wieder geschieht. Die Empfehlung von Gerhard Wiese: "Sich erinnern. Die Erinnerung weitergeben. Damit das alles nicht vergessen wird. Es ist nicht immer leicht, darüber zu sprechen. Aber die Last lastet nun mal auf uns. Und die Jugend muss darüber auch Bescheid wissen."

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Sicherheitsprüfung
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.


X