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Ein glücklicher Sisyphos

Klaus Störch blickt zurück auf 15 bewegte Jahre als Leiter der Hattersheimer Facheinrichtung für Wohnsitzlose

Klaus Störch leitet seit 15 Jahren die Geschicke in der Facheinrichtung für Wohnsitzlose Haus St. Martin am Autoberg.
(Foto: A. Kreusch)

HATTERSHEIM (pm) – Seit zwanzig Jahren ist Klaus Störch nun schon bei der Caritas Main-Taunus angestellt, fünfzehn Jahre davon ist er Leiter der Facheinrichtung für Wohnsitzlose Haus St. Martin am Autoberg in Hattersheim. Und es war Zufall, dass Störch, der ursprünglich plante, nach seiner Studentenzeit in der Erwachsenenbildung zu arbeiten, in der Arbeit mit Wohnungslosen landete – eigentlich hatte er damit nur sein Studium finanzieren wollen.
 

„Angefangen habe ich bei der Caritas Offenbach, auch dort habe ich in einer Obdachloseneinrichtung gearbeitet“, erzählt der 1960 geborene gelernte Sozialversicherungsfachangestellte und studierte Diplompädagoge, der seit 1994 verheiratet ist und zwei Söhne im Alter von 24 und von 18 Jahren hat. „Dort war ich auch zufrieden, mit meiner Arbeit und auch mit meinen Kollegen – dann kam der Anruf von Otmar Vorländer, der bis vor kurzem Geschäftsführer der Caritas Main-Taunus war, mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne, eine Einrichtung für Wohnsitzlose im Main-Taunus-Kreis aufzubauen.“ Gekündigt hatte Störch erst in letzter Minute, zunächst hatte er alles gut abgewogen. „Eigentlich bin ich ein eher besonnener Mensch, der nicht gerne ins kalte Wasser springt, ich warte lieber erst ab, wie sich etwas entwickelt“, waren damals seine Überlegungen auf der einen Seite, „da gingen mir viele Gedanken durch den Kopf, etwa: ist die Finanzierung überhaupt gesichert und so weiter.“ Auf der anderen Seite wurde ihm bald bewusst: „Man hat im Leben nur einmal die Möglichkeit, solch eine Einrichtung von Grund auf aufzubauen.“ Also sprang er ins kalte Wasser– und ist heute sehr froh darüber.

In Hofheim hat Klaus Störch in einem Baucontainer, der „Hofheimer Teestube“, angefangen und dort für die Caritas und den Kreis zusammen mit der Hofheimer Kirchengemeinde, von welcher Ehrenamtliche alternierend den Tagesstättenbetrieb übernommen hatten, Obdachlose zu beraten. „Nebenbei habe ich zusammen mit Otmar Vorländer und Jürgen Malyssek ein Konzept für eine Wohnungslosenfacheinrichtung entwickelt – das ging gut voran auf dem Reißbrett, aber da hatten wir noch lange keinen Ort gefunden“, erinnert er sich. „In Hofheim hatten wir da leider nicht viel Unterstützung.“ Also habe man sich auch im Umkreis umgeschaut. „Mit dem „Dienstagstreff“ in der Hattersheimer Voltastraße hatte ich damals schon Kontakt, dort war Hedi Bender ehrenamtlich tätig. Otmar Vorländer hatte Kontakt zu Hans Franssen und Adi Schubert, und wir wurden auf die Liegenschaft der Hawobau hier in der Frankfurter Straße aufmerksam gemacht.“ Die damaligen Berichte in den Medien „Hattersheim bekommt eine Obdachloseneinrichtung“ haben zuerst Proteste bei den Anwohnern ausgelöst. „Aber wir haben von Anfang an Kontakte zu den Bürgern hier gesucht, unsere Einrichtung war schon Sozialraumorientiert geplant“, erzählt Klaus Störch. Das hat sich ausgezahlt, heute ist er froh über das „gute Standing“ seiner Einrichtung in der Frankfurter Straße und den guten Kontakt zur Stadt.

Start nach fünf Jahren Aufbauarbeit
„Im Winter 2002 haben wir dann hier den Tagesstättenbetrieb starten können, und nachdem im März 2003 dann die offizielle Eröffnung war, haben wir am 1. April 2003 das Haus auch für die ersten Übernachtungen geöffnet“, erinnert sich Klaus Störch heute und betont noch einmal: „Das war nach fünf Jahren Aufbauarbeit.“

Von Anfang an waren nicht nur Obdachlose, sondern alle Hattersheimer Adressaten des Hauses St. Martin, das Verhältnis der Gäste ist auch heute noch 70 Prozent Wohnsitzlose, 30 Prozent Hattersheimer. „Da wir ja auch Frühstück für unsere Übernachtungsgäste anboten, wurden wir gefragt, ob wir nicht immer mal Lebensmittel übrig hätten. Als wir das bejaht hatten, hat sich das schnell wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Da standen dann manchmal 30 Leute vor unserer Tür und haben mit den Hufen gescharrt und auf Lebensmittel gewartet“, erzählt Störch, „also haben wir zu einem Info-Abend über ein Tafel-Modell eingeladen. Und als zwanzig Bürger gleich davon überzeugt waren und mithelfen wollten, haben wir das in Angriff genommen.“ Nachdem der damalige Pfarrer von St. Martinus, Lomberg, Räume im ehemaligen (mittlerweile abgerissenen) Barbarahaus zur Verfügung stellte, konnte das Projekt Hattersheimer-Hofheimer Tafel im Jahr 2005 starten. Diese Einrichtung gibt es immer noch, heute wird das arbeitsaufwändige Projekt Im Boden 6 von Störchs Kollegen Markus Barthel geführt. „Die Tafel war nicht geplant, wir haben damals spontan auf Nachfrage reagiert, aber ab dieser Zeit hatte ich den Eindruck, wir sind wirklich in Hattersheim angekommen, wir werden hier akzeptiert, seit dieser Zeit gab es auch keine großen Proteste mehr bei den Anwohnern“, erinnert sich Störch, „abgesehen von sporadischen Ruhestörungsbeschwerden im Sommer, wenn sich unsere Klienten manchmal noch abends draußen aufhalten.“ Aber auch da setzt Klaus Störch auf Kooperation und klärende Gespräche. „Insgesamt haben wir inzwischen mit der Nachbarschaft ein relativ gutes Verhältnis“, resümiert er zufrieden.

Ebenfalls aus der Störchs „Ideenküche“ des Jahres 2005 stammen das Hartz IV-Café, welches er im Haus St. Martin zusammen mit Wolfgang Gerecht und Carlo Graf gründete sowie die Veranstaltungsreihe „Kunst und Kultur am Autoberg“. „Und alles ist nachhaltig, läuft und existiert noch“, freut sich Störch sichtlich. Im Hartz IV-Café heißt es auch heute noch jeden zweiten Mittwoch „Erwerbslose helfen Erwerbslosen“: „Hier haben sich die Erwerbslosen Kenntnisse selbst erarbeitet, die sie an andere weiter geben. Das entsprich meinem Credo: jeder kann etwas, jeder hat Fähigkeiten und Potenziale, man muss sie nur wecken – und wir sind hier dabei die Hebammen. In der ersten Zeit war das viel Pionierarbeit, aber es gab viele innovative Ideen, die bis heute Teil unserer Arbeit sind.“

Auch im kreativen Bereich ist Störch immer gerne „Geburtshelfer“ in Sachen Fähigkeiten und Potenziale, bei „Kunst und Kultur am Autoberg“ waren inzwischen in über 100 Veranstaltungen nicht nur prominente Künstler wie etwa die Fotografen Jim Rakete, Karsten Thormaehlen oder Ann-Kathrin Kampmeyer oder der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato zu Gast und nicht nur bekannte Hattersheimer wie etwa Antje Köster, Karin Schnick oder Manfred Wiegand haben sich eingebracht, auch viele (ehemalige) Wohnsitzlose und Menschen aus der Hattersheimer Siedlung konnten dort schon ihre Malerei oder Fotografie ausstellen, er hat die Frankfurter Straße zur Galerie gemacht und dort den Phrixomaten in Zusammenarbeit mit Hattersheimer Künstlern sowie die „kleinste Bibliothek“ mit Reclamheften in einem besonders gestalteten Erste-Hilfe-Kasten installiert. „Dabei sehe ich mich als Werkzeug dazu, dass der andere seine Ziele verwirklichen kann – dabei ist nicht immer die Lebensvorstellung von kleinbürgerlicher Familie das Maß der Dinge, sondern das, was der einzelne Mensch individuell will“, erklärt der Leiter des Hauses St. Martin, „deshalb versuche ich Leute einzubinden und nicht ihr Scheitern in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das, was sie können.“ Damit möchte signalisieren: „Du bist angekommen“.

Dass dies eine Art „Sisyphosarbeit“ ist, das ist Klaus Störch durchaus bewusst. „Aber ich stelle mir Sisyphos als glücklichen Menschen vor“, schmunzelt er, „der immer wieder die Anstrengungen gegen den retourkommenden Felsen wagt, weil es sich lohnt.“ Der Tatsache, dass ihm bei seiner Arbeit sehr viele schmerzhafte Lebensgeschichten, teils geprägt von Alkohol, Krankheiten und vielleicht auch nur allzu großem Pech begegnen und dass auch mal Menschen darunter sind, „bei denen nix nutzt“, versucht er mit einer gewissen professionellen Distanz zu begegnen. Sieht man Klaus Störch im Umgang mit seinen Gästen, dann spürt man Respekt von beiden Seiten, er kennt natürlich alle mit Namen.

Krisen können jeden treffen
„Man kann nicht sagen: das ist ein richtiges und das ist ein falsches oder misslungenes Leben“, ist er sich sicher, „die Entscheidung etwas zu ändern kann nur jeder für sich selbst fällen, also nehme ich mich ein Stück zurück und bin entlastet – ich bin kein Missionar.“ Und er weiß aus Erfahrung: „Hochmut kommt vor dem Fall, jeder kann in persönliche Krisen kommen, durch den Verlust von Arbeit oder Familie kann schnell eine prekäre Situation entstehen.“ Nach Störchs Ansicht haben die Politik und karitative Einrichtungen dafür zu sorgen, dass Menschen in solchen Situationen auch wieder eine Chance haben. Er kennt die Risikofaktoren, die heute immer noch mehr Männer als Frauen in die Wohnungslosigkeit führen: „Da fehlt es an Fähigkeiten zu Konfliktbearbeitung, man läuft vor Problemen davon, fängt an zu trinken und so weiter. Und im Laufe der Emanzipation sind heute auch mehr Frauen als früher diesen Risiken ausgesetzt. Aber Frauen sind oft besser sozial vernetzt, das schützt sie davor, schnell wohnungslos zu werden. Bei Männern spielt immer noch der Stolz eine große Rolle – eine Schwäche darf man sich eben nicht eingestehen, und wenn man es dann doch tut, ist es oftmals zu spät.“

Die Bundesstatistik spricht von einem etwa 80 prozentigen Männeranteil und 20 Prozent Frauen unter den Wohnsitzlosen. Dies spiegelt sich auch unter den Gästen im Haus St. Martin wider. Insgesamt steigen die Wohnungslosenzahlen in ganz Deutschland, sie gehen auf die 500.000 zu. „Und da sind die Flüchtlinge noch nicht berücksichtigt“, weiß Störch.

Dennoch macht dem Leiter von Haus St. Martin seine Arbeit noch immer große Freude, sein „symbolisches Kapital“ ist das positive Feedback und die Anerkennung seiner Arbeit durch die Allgemeinheit, wie etwa durch den Graulich-Preis oder den Bildungspreis der Deutschen Photographischen Gesellschaft. „Das spornt mich an, animiert mich weiter zu machen“, strahlt Störch.

„Lobby“ für Menschen am gesellschaftlichen Rand zu sein erfüllt ihn. Er möchte dabei helfen, den Fokus auf gesellschaftliche Missstände zu lenken. „Da sind auch die Wohlfahrtsverbände gefordert, hier muss Veränderung her“, meint Klaus Störch, der sich auch als Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Flörsheim-Hochheim engagiert. „Das große Ziel muss sein, Wohnungsraum für Menschen zu finden – das scheitert im Moment daran, dass es einfach keine bezahlbaren Wohnungen gibt, auch weil die Sozialbindung entfällt“, findet Störch, „unser „großes Programm“ im Haus St. Martin, Wohnung und Arbeit zu beschaffen, gelingt kaum noch: im letzten Jahr konnten wir nur zwei Wohnungen vermitteln. Wir können hier nur noch die Symptome behandeln, die Grundkrankheit kann nur eine bessere Sozialpolitik heilen.“ Dabei kann man im Haus St. Martin lediglich „Lobbyarbeit“ betreiben, es können dort etwa Post-Adressen zur Verfügung gestellt werden oder Clearing in Sachen Sozialhilfe und Wohngeldanträge angeboten werden. „Wir schicken auch niemanden, der dabei Hilfe braucht, weg, auch wenn er noch nicht wohnsitzlos ist: jemand, der heute Sozialhilfe beantragt, könnte ja ein potenzieller Wohnsitzloser sein“, weiß der Leiter der Einrichtung.

Auf die Frage, was ihn motiviert, immer weiter zu machen, hat Klaus Störch eine verblüffende Antwort: „Die Tatsache, dass ich endlich bin, motiviert mich. Wir haben nur ein relativ kleines Fenster auf der Welt, da kann man nicht einfach sagen: das mache ich Morgen und das Übermorgen.“ Sein Wunsch ist es, etwa Bleibendes zu machen, auch Papier ist ihm wichtig. „Ich brauche auch immer etwas Haptisches, nur Virtuelles reicht mir nicht aus“, schmunzelt er. Dennoch bezeichnet er sich – frei nach seinem Lieblingsschriftsteller Bertolt Brecht – als „Universaldilettant“: „Weil ich so viele Dinge gerne mache, und alle mache ich mit Passion. Das treibt mich auch an.“ 

Für die Zukunft wünscht Klaus Störch sich, dass er noch lange die Kraft hat, die Sisyphosarbeit, die notwendig ist, zu leisten. „Ich möchte gerne, dass die Facheinrichtung Haus St. Martin in meinem Geiste weitergeführt wird“, sagt er und hat eine Botschaft: „Man soll das Leben mit kleinen Dingen bunter machen – nicht jammern, sondern einfach machen, auch kleine Ideen umsetzen“, meint er, denn „lamentieren und Verantwortung delegieren regt mich auf. Die Bürger sollten selbst mitgestalten.“

Bei allem betont Klaus Störch immer wieder gerne: „Alles, was hier erreicht wurde, ist nicht alleine mein Verdienst, sondern konnte nur in wohlwollender Kooperation mit den Bürgern und der Politik gelingen.“
 

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