Die Grenzen des Erinnerns und die Darstellung von Gewalt hinterfragt

Kunstprojekt „Hier wo wir sind. Virtuelle Kunst um’s Eck!“ auf dem Gelände der ehemaligen Cellulosefabrik Phrix

mpk

Um das Kunstprojekt des WAVA Kollektivs, initiiert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain im Rahmen der World Design Capital 2026, verstehen zu können, muss man erst einmal wissen, was genau "Augmented Reality" (AR) bedeutet. Denn in insgesamt sieben Kommunen des Main-Taunus-Kreises (Bad Soden, Eppstein, Flörsheim, Hattersheim, Hochheim, Hofheim und Kelkheim) erweitern in den nächsten Wochen und Monaten acht ortsspezifische AR-Installationen von elf internationalen Künstlerinnen und Künstlern den öffentlichen Raum. In Hattersheim präsentiert die israelische Multimediakünstlerin Alona Rodeh mithilfe dieser Technik seit Freitag auf dem Gelände der ehemaligen Cellulose- und Papierfabrik Phrix in Okriftel ein neues digitales Denkmal.

Bei AR handelt es sich um eine Art der dreidimensionalen Interaktion zwischen Mensch und Computer. In Echtzeit überlagern 3D-Grafiken die echte Welt über einen Bildschirm, wie etwa ein Smartphone oder ein Tablet. Sprich: Aktiviert man die kostenlose WAVA-App am Ort des virtuellen Kunstwerks und richtet die Kamera auf die richtige Stelle, erscheint auf dem Bildschirm des Endgeräts etwas, das dort eigentlich gar nicht existiert. Auf diese Art und Weise verändert AR die persönliche Wahrnehmung einer realen Umwelt - im Gegensatz zur eher öfter zitierten "Virtuellen Realität", wo die tatsächliche Umgebung komplett durch einen simulierten virtuellen Raum ersetzt und über eine VR-Brille wiedergegeben wird.

So können via AR vertraute Plätze als künstlerische Orte rund um die Uhr neu zugänglich gemacht. Historische Bezüge leuchten auf, neue Narrative entstehen. Das Projekt befragt den öffentlichen Raum im hybriden Zeitalter und erkundet, wie digitale Eingriffe unsere Wahrnehmung von Orten erweitern, bringt es die Broschüre zum Kunstprojekt auf den Punkt und macht so deutlich, was genau der attraktive Ansatzpunkt dieser Technik aus Sicht der Kunst ist.

Von den Anfängen der Spezialeffekte zu Augmented Reality

Die Auftaktveranstaltung am frühen Freitagabend im Okrifteler Haus der Vereine war leider recht spärlich besucht. Um die Gäste auf das Kunstwerk vorzubereiten, wurde auf einer Leinwand in Dauerschleife der Kurzfilm "Démolition d'un mur" (Die Zerstörung einer Mauer) gezeigt, bei dem Louis Lumière im Jahr 1896 Regie führte. Der Film wurde auf dem Gelände der Lumière-Fabrik in Monplaisir (Lyon) gedreht. Auguste Lumière, der Bruder des Regisseurs, übernahm dabei die Rolle des Vorarbeiters, der die Arbeiter beaufsichtigte. Die Szene zeigt den Abriss einer Mauer. Die eigentliche Abrisssequenz dauert 44 Sekunden, die Gesamtlänge des Films beträgt jedoch etwa eine Minute und 32 Sekunden, da die Szene anschließend noch einmal rückwärts abgespielt wird.

Die erste öffentliche Vorführung von "Démolition d'un mur" fand am 9. März 1896 statt. Der Film zeichnet sich durch den frühen Einsatz von Spezialeffekten aus – insbesondere durch die Umkehrung der Handlung, bei der sich die Mauer scheinbar von selbst wieder aufbaut. Etwas, was bis dahin noch nie jemand gesehen hatte: Die Erfahrung, ein Geschehnis rückwärts zu betrachten, war etwas völlig neues.

"Vernebelung in Echtzeit"

Nach den Begrüßungsreden von Erster Stadträtin Heike Seibert, Bürgermeister Klaus Schindling und der Leiterin des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main Dr. Susanne Völker erklärte die Künstlerin Alona Rodeh zusammen mit ihrem WAVA-Kollegen Ben Livne Weitzman, dass bei der filmischen Berichterstattung von Kriegen oder Katastrophen die menschlichen Opfer normalerweise nicht ungefiltert gezeigt werden, zerstörte Gebäude jedoch schon. Letzteres mutet man der Zuschauerschaft bedenkenlos zu, dabei erachtet Rodeh die Zerstörung eines Zuhauses ebenfalls als äußerst folgenschwer und potenziell traumatisierend.

Der Name von Alona Rodehs virtueller Installation in Okriftel lautet "Real-time Fogging", also "Vernebelung in Echtzeit". Sie nimmt dabei Bezug auf den "Nebel des Krieges" (englisch "Fog of War"), der die Ungewissheit und Unzuverlässigkeit von Informationen auf einem Schlachtfeld beschreibt, die auch von kriegerischen Akteuren zur Feindestäuschung bewusst herbeigeführt werden kann. Nebelwände und Verpixelung verdecken, was nicht gesehen werden soll.

Rodeh setzt sich dabei mit der Geschichte der ehemaligen Phrix-Cellulosefabrik auseinander, die einst der jüdischen Familie Offenheimer gehörte, welche im Jahre 1938 ins Exil gezwungen wurde. "Real-time fogging" zeigt via AR eine schwarz-weiße Backsteinmauer, die laufend einstürzt und sich stets neu aufbaut. Der Augenblick der Zerstörung ist dabei verpixelt und scheint sich dem Blick des Betrachters zu entziehen. In Anlehnung an die besagten militärischen und medialen Tarnstrategien fungiert die digitale Intervention der Künstlerin "als umkämpftes Denkmal, das die Grenzen sowohl des Erinnerns als auch der Darstellung von Gewalt reflektiert", heißt es in der WAVA-App.

Dr. Susanne Völker hatte zuvor in ihrer Rede betont, dass die hier vorliegende Kunstinstallation genau das umsetzt, was sich das Projekt "Hier wo wir sind. Virtuelle Kunst um’s Eck!“ zur Aufgabe gemacht hat: Orte zu identifizieren, die mitten im Leben der Menschen sind. Es geht nicht darum, vergessene Orte wieder ins Bewusstsein zu rücken, sondern mitten im Leben künstlerisch zu intervenieren und eine zusätzliche Wahrnehmungsebene zu schaffen und eine zusätzliche Reflexion zu ermöglichen.

Es bleibt zu hoffen, dass noch deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger das Kunstwerk auf eigene Faust erkunden werden, denn das ist ab sofort möglich. Die kostenlose WAVA-App ist verfügbar für iOS und Android. Aktiviert man sie am Schauplatz des jeweiligen AR-Kunstwerks, kann man selbiges selbst in Augenschein nehmen.

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