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Hattersheimer Phänomen bleibt ungeklärt

Vortrag über die Grabungen auf dem Ölmühlengelände – Grubenhäuser aus dem Frühmittelalter entdeckt

Das „Hattersheimer Phänomen“ nannte Dr. Franka Schwellnus diese Art der langrechteckigen, abgetreppten Gruben, deren Bedeutung noch nicht geklärt werden konnte.

Der Geschichtsverein Hattersheim hatte am vergangenen Dienstag zu einem Vortrag der Archäologin Dr. Franka Schwellnus über die Grabungen auf dem Ölmühlengelände eingeladen, der zahlreiche Gäste in den Hessensaal des Alten Posthofes gefolgt waren. „Franka Schwellnus ist eine Kennerin der Hattersheimer Historie – nicht nur weil sie nun schon an mehreren Grabungen in der Stadt teilgenommen hat, sondern auch, weil sie an der Museumskonzeption im alten Werkstattgebäude der Sarotti beteiligt ist“, stellte Ulrike Milas-Quirin, stellvertretende Vorsitzende des Hattersheimer Geschichtsvereins, die Referentin vor.

Dr. Franka Schwellnus gab den Zuhörerinnen und Zuhörern zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Ölmühle, die ursprünglich nach ihrem ersten Eigentümer Engelsmühle hieß. Ihr Mühlbach wurde 1731 vom Schwarzbach abgezweigt, war einige Zeit tatsächlich als Ölmühle in Betrieb, bis im 20. Jahrhundert das Gelände von der Hoechst AG aufgekauft und später als Landwirtschaftliche Entwicklungsanstalt (LEA) genutzt wurde. „Seit 1994 waren dort dann diverse Firmen angesiedelt, demnach war das Gelände stark überbaut, mit vielen verschiedenen Fundamenten im Boden“, erklärte Dr. Schwellnus die Ausgangssituation der Grabung, „daher wurden vom Bezirksarchäologen nur 4800 Quadratmeter des 3,8 Hektar großen Geländes zur archäologischen Untersuchung ausgewählt.“ Interessant war für die Behörde vor allem, den Verlauf des Mühlbaues zu klären, und ein kleiner Streifen am südlichen Geländerand Richtung Okriftel, der nie überbaut war. „Für uns war aber auch die Frage, ob sich die Befunde auf dem Gelände der Schokoladenfabrik auf der anderen Seite des Hessendammes fortsetzen“, berichtete die Archäologin.

Tatsächlich wurde eine „lineare Struktur, ein etwa 50 Zentimeter tiefer Graben“ gefunden, der sich auf dem Gelände der Schokoladenfabrik fortsetzt. Zwar fanden sich auf dem Ölmühlengelände keine Objekte darin, aber auf der anderen Seite des Hessendammes hatte man Fundstücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert in diesem Graben entdeckt. „Die Archäologin des Schokoladenviertels interpretiert das als Landwehr, aber der Graben könnte auch irgendwie mit dem Mühlbach in Verbindung stehen, etwa als Bewässerungsgraben.“ Karl Heinz Spengler vermutete, dass es sich auch um einen sogenannten „Flutgraben“ der Landwehr, die sich von Hofheim bis an den Main ausdehnte, handeln könnte.

Weiter markierten auf dem Grabungsgelände die Reste von sechs Holzpfosten ein mindestens drei mal vier Meter großes Gebäude, und es gab einige „seltsame Gruben“ mit lockerer einheitlicher Verfüllung ohne Funde neben verschiedenen kegelförmigen Abfall- und Vorratsgruben aus der Eisenzeit, was durch Funde nachgewiesen werden konnte. „Im Süden des Geländes haben wir sehr schöne Funde aus dem 7. und 8. Jahrhundert, dem frühen Mittelalter, gemacht. Diese Grubenhäuser gehören zu den Highlights der Grabungen auf dem Ölmühlengelände“, berichtete Franka Schwellnus, „Brandlehmspuren von Gewichten von Webstühlen deuten darauf hin, dass es sich um Handwerkshäuser handelt, die zum Weben genutzt wurden. Diese und auch Scherben lassen vermuten, dass es sich um eine kleine Handwerkssiedlung aus dem Frühmittelalter am Schwarzbach gehandelt hat, ältere Scherben deuten auf eine Besiedelung seit der Eisenzeit hin.“ Als Okrifteler freute sich Karl Heinz Spengler ebenfalls ganz besonders über diesen Fund: „Das würde gut zu dem merowingischen Friedhof passen, der vor vielen Jahren schon in Okriftel gefunden wurde“, bemerkte er.

Während in anderen entdeckten Gruben zahlreiche Schlacken, Keramiken, Webgewichte und auch ein Wetzstein gefunden wurden, sind auch auf dem Ölmühlengelände einige „langrechteckige, abgetreppte Gruben mit sehr lockerer Verfüllung“ entdeckt worden, wie auf dem Grabungsgelände Südwest einst 106 davon – immer in Gruppen nord-südlich oder in Ost-West-Richtung ausgerichtet – ausgegraben wurden, die auch dort schon nicht eindeutig zu datieren waren und deren Bestimmung noch immer ungeklärt ist. „Das ist ein Hattersheimer Phänomen. In einer besonders tiefen dieser Gruben, die bis auf den Mainterrassenkies hinunter geht, haben wir auf dem Ölmühlengelände einen Holzpfahl gefunden – ob der allerdings eventuell nun Aufschlüsse zur Bestimmung der Entstehungszeit der Gruben geben kann, ist noch ungewiss: Der Pfahl könnte ja auch erst später dort in den Boden gekommen sein“, meint Dr. Franka Schwellnus. „Vielleicht könnten das ja auch eine Art 'Schützenlöcher' für Artillerie gewesen sein?“, vermutete die Archäologin und forderte die Hattersheimer Geschichtsinteressierten auf, sich an der Aufklärung dieses Rätsels zu beteiligen. Die entdeckten Gruben sind zwischen 50 und 60 Zentimeter breit, zwischen 1,6 und 2 Meter lang, manche recht tief, andere aber auch nur 10 cm tief. In der Diskussion zwischen den Veranstaltungsteilnehmern wurde auf die militärische Bedeutung des Gebietes um Hattersheim seit dem 17. Jahrhundert hingewiesen, der Flurname „Auf der Schanz“ deutet durchaus auch heute noch auf militärische Handlungen hin, die von dem Gebiet ausgingen, aber ebenso sind viele Truppen verschiedenster Couleur einst hungrig durch Hattersheim gezogen, die Hattersheimer hatten sich oft vor Plünderungen zu schützen. „Vielleicht dienten die Gruben ja auch dazu, Vorräte oder Hab und Gut vor marodierenden Soldaten zu verstecken?“, vermutete Ulrike Milas-Quirin. Da sich laut Franka Schwellnus „keinerlei moderner Schrott“, wie etwa Schrauben oder Plastik in der Verfüllung dieser Gruben befindet, ist eine Entstehung in „moderner Zeit“ auf alle Fälle unwahrscheinlich.

Wer weitere Lösungsansätze zur Enträtselung des „Hattersheimer Phänomens“ hat, kann diese dem Geschichtsverein Hattersheim gerne mitteilen.

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