"Nur gemeinsam sind wir stark"

Ausstellungseröffnung mit Feier zum 20-jährigen Jubiläum des Integrationslotsen-Projekts des Stadtteilbüros

mpk

Äußerst gut gefüllt war das Hattersheimer Stadtmuseum am frühen Freitagabend: Der Hattersheimer Geschichtsverein und das Stadtteilbüro hatten gemeinsam eingeladen, um im Rahmen der Vernissage zur Sonderausstellung „Wege in die Fremde – 1955 bis heute“ auch das 20-jährige Jubiläum des Hattersheimer Integrationslotsen-Projekts feierlich zu begehen. Pünktlich um 17 Uhr begrüßte Ulrike Milas-Quirin das versammelte Publikum.

Bei den Integrationslotsinnen und -lotsen handelt es sich um ehrenamtlich tätige Hattersheimer Bürgerinnen und Bürger aus aller Herren Länder, die sich - nach einer entsprechenden Ausbildung - als interkulturelle Vermittler einbringen. Ihre Dienste werden von Institutionen wie Schulen, Schulsozialarbeit, Kindertagesstätten oder dem Sozialamt in Anspruch genommen, ebenso von Migrantinnen und Migranten, die Unterstützung beim Umgang etwa mit Ämtern brauchen oder Übersetzungen benötigen. Das Hattersheimer Stadtteilbüro begleitet und koordiniert die Integrationslotsen.

Vor 20 Jahren ist das seinerzeit höchst innovativ anmutende Projekt vom Quartiersmanagement der Hattersheimer Siedlung ins Leben gerufen worden. Längst hat es als „Hattersheimer Modell“ zahlreiche Nachahmer im Kreis gefunden. Seit 2013 sind die Integrationslotsen ein Kooperationsprojekt des Caritasverbands Main-Taunus und der Hattersheimer Wohnungsbaugesellschaft.

Hans Franssen, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, erinnerte in seiner Begrüßungsrede daran, dass in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die hiesigen Unternehmen Sarotti, Rhein-Main-Glashütte und Rhein-Main-Wellpappe viele Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben haben. Die aktuelle Ausstellung, die bis zum 17. September zu sehen sein wird, beinhaltet unter anderem viele Objekte aus dem Arbeitsalltag dieser Menschen.

Migration gehört zu unserer Geschichte, so Franssen, und dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Die Arbeitssituation der Arbeitsmigranten spielt in der Wirtschaftsgeschichte der Stadt Hattersheim eine große Rolle, so der Altbürgermeister, und deshalb sei es sehr lohnenswert, sich mit den Biografien dieser Menschen, die wesentlich zu unserem Wohlstand beigetragen haben, zu beschäftigen.

Ein aktueller Blick nach Sachsen-Anhalt zeige, wie wichtig Projekte wie die Integrationslotsen sind. Hans Franssen zitierte einen Artikel der Frankfurter Rundschau vom 17. August, der die vielen Feindbilder des dortigen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund aufzählte: Kinder mit Beeinträchtigungen, sogenannte "Importärzte", diverse Ministerien, Gleichstellungsbeauftragte, Windräder, die Evangelische Akademie, vermeintlich "antideutsche" Kunst, Geschichtslehrpläne, Solarparks, Lastenräder - und eben auch Integrationslotsen.

Vor diesem Hintergrund sei es besonders wichtig, dass man aus diesem Anlass hier im Stadtmuseum so zahlreich zusammengekommen ist, um die wichtige Arbeit der Integrationslotsinnen und -lotsen anzuerkennen. "Und für uns heißt es: Haltung zu zeigen", mahnte Franssen.

"Integration bedeutet nicht, dass alle gleich werden. Integration bedeutet, dass alle dazugehören." Dieser Satz beschreibt in den Augen der Stadtteilbüroleiterin Christine Pfaff sehr treffend, wofür die Intergationslotsen seit mittlerweile bereits 20 Jahren stehen. Es gehe darum Menschen dabei zu unterstützen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, sich einzubringen und selbst aktiv werden zu können, betonte Pfaff in ihrer kurzen Begrüßungsrede.

"Sie gehören alle zu uns"

Heike Hofmann, die Hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales, rückte in ihrer Rede die "turbulenten und herausfordernden Zeiten" hervor, in denen wir gerade leben.

Hofmann hielt fest, dass allein bis zum Jahr 2030 in Hessen 240.000 Fachkräfte fehlen - und von den Arbeitskräften ist dabei noch nicht einmal die Rede. Dieser enorme Fachkräftemangel sei nicht allein durch inländische Potenziale in den Griff zu bekommen. Vielmehr brauche man dringend qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland, um den Wohlstand unseres Landes zu sichern.

Und Heike Hofmann macht es "wütend und ärgerlich", wenn nicht nur dieser Umstand ignoriert wird, sondern wenn gar rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte heutzutage einen schrecklichen Begriff wie "Remigration" verwenden. Dass Nachbarn, Freunde, Bekannte, allein weil sie einen Migrationshintergrund haben, wieder "zurückgehen" sollen. Diese Menschen haben in Deutschland eine Heimat gefunden, sie leben und arbeiten hier. Gegen solche Absichten müsse man sich mit aller Gewalt wehren, so die Ministerin, und gerade deshalb seien Veranstaltungen wie diese hier so wichtig und wertvoll, die zeigen: Alle Hattersheimerinnen und Hattersheimer gehören zusammen. "Und keiner gehört wieder abgeschoben oder sonstwas. Sie gehören alle zu uns!".

Gemeinsam müsse man in diesen Zeiten Haltung und Klarheit zeigen. "Ich sage Ihnen deutlich: Nur gemeinsam sind wir stark", brachte es Heike Hofmann abschließend auf den Punkt.

Chris Savage, der stellvertretende Vorsitzende des Ausländerbeirats und mittlerweile selbst Integrationslotse, würdigte Heike Hofmann in seiner Rede ausdrücklich: Er fand es stets beeindruckend, dass sie bereits vor ihrer Amtszeit als Ministerin regelmäßig die Sitzungen des Landesausländerbeirats besucht und großes Interesse an dessen Arbeit gezeigt hat. Er könne sich noch sehr gut an ihre Anwesenheit damals erinnern - und gleichzeitig räumte Savage augenzwinkernd ein, dass dieses Erinnern wahrscheinlich nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Eine Erfolgsgeschichte

Der Stadtverordnetenvorsteher Georg Reuter richtete ebenfalls anerkennende Grußworte an das Integrationslotsen-Projekt. Was vor zwei Jahrzehnten als "mutiges Modellprojekt" begann, hat längst kreisweit Schule gemacht. Hattersheim habe hier "Pionierarbeit geleistet", stellte Reuter fest. Die Erfolgsgeschichte begann seinerzeit mit gerade einmal sechs Personen, heutzutage ist die Gruppe der Intergrationslotsinnen und -lotsen auf die stattliche Anzahl von 15 Aktiven angestiegen.

"Ihr Engagement ist ein unbezahlbarer Wert für unsere Gemeinwesen. Sie sorgen dafür, dass aus dem Nebeneinander ein echtes, gelungenes Miteinander wird. Sie sind das Gesicht einer Willkommenskultur, die nicht nur auf dem Papier existiert, sondern in Hattersheim aktiv gelebt wird." Georg Reuter dankte allen, damals wie heute, die ihr Herzblut in diese wichtige Arbeit investieren.

Einwanderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Alexander Quirin vom Hattersheimer Geschichtsverein hob in seiner Rede hervor, warum Integration einer bloßen Anpassung vorzuziehen ist. Integration sei ein Prozess beidseitiger Veränderung und damit ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag.

Auch Hattersheim hat sich verändert. Die hiesige Industriegeschichte wäre eine andere, wenn nicht letztendlich auch durch Saisonarbeiterinnen und -arbeiter der Rosenanbau groß geworden wäre. Die Rhein-Main-Wellpappe hat sich vergrößert durch Menschen, die hier eingewandert sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist durch Flüchtlinge die Glasindustrie in Hattersheim entstanden. Und auch Sarotti ist auf diesem Wege größer geworden.

"Hattersheim ist zu Wohlstand gekommen durch Einwanderung", stellte Alexander Quirin fest. Freilich sei dies alles nicht immer einfach, ein solcher Prozess ist stets auch verknüpft mit Schwierigkeiten und Problemen. Aber er ist davon überzeugt: "Deutschland hat sich durch und mit Einwanderungen positiv verändert." Manche Menschen mögen das zwar nicht gerne hören, aber es sei eine weitere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, mit diesen zu reden. Der Dialog zum Thema Einwanderung sei gesamtgesellschaftlich zu führen, so Quirin.

Andere wiederum wollen weder Einwanderung, noch einen Dialog hierzu. "Denen muss man sagen: Stopp! Das Deutschland, wie Ihr es euch vorstellt - das wollen wir nicht."

Feierliche Ehrung - und dann der gesellige Teil

Für die ehemalige Leiterin des Stadtteilbüros Heike Bülter war das integrationslosenprojekt während ihrer 22-jährigen Tätigkeit stets eines ihrer Lieblingsprojekte: "Wir haben so viel voneinander gelernt, vieles neu gedacht, viel diskutiert und unterschiedliche Meinungen gehabt, aber sind uns immer mit Respekt, Offenheit, Toleranz und Sympathie füreinander begegnet. Wenn nur ein Teil dieser Haltung in diesen Tagen in unserer Gesellschaft gelebt wird, würde ich optimistischer in die Zukunft sehen."

Nachdem Rabia Malik, Projektleiterin im Stadtteilbüro, noch einen Überblick über das aktuelle Angebot und die Leistungen der Integrationslotsinnen und -lotsen geliefert hatte, war schließlich der Zeitpunkt der Urkundenübergabe gekommen. Verliehen wurden die Urkunden an die Integrationslotsen durch Ministerin Heike Hofmann, Christine Pfaff, Rabia Malik und Markus Barthel von der Caritas Taunus.

Geehrt wurden an diesem Tag die ehemaligen Integrationslotsen Abdulhai Asisi, Tugba Cetinkaya, Mehtab Cicek, Hanim Deligöz, Günnaz Kurt, Marina Shargorodska, Erdal Zorlu sowie der leider bereits verstorbene Yohng-Sang Kim. Und natürlich wurden auch die aktiven Integrationslotsinnen und -lotsen mit Urkunden bedacht: Fatima Abounacha, Diana Faqirzada, Svetlana Friebus, Sara Girmay Solomon, Ingo Girndt, Rabia Malik, Agustin Martin-Pelaez, Christopher Savage, Emine Sezginer und Canan Yesilbas.

Im Anschluss an den offiziellen Teil ging man zum Gemütlichen über. Gemeinsam genoss man das reichhaltige Büfett internationaler Köstlichkeiten aus den Heimatländern der Integrationslotsen und kam ins Gespräch über die an diesem Tage ebenfalls eröffnete Sonderausstellung.

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