Am Samstag, 9. Mai, hatte Okrifteler Lokalhistoriker Bernd Caspari im Rahmen des städtischen Programms "Orte der Demokratie" zu zwei Führungen über das Gelände der ehemaligen Papier- und Cellulosefabrik Phrix eingeladen.
Zur Illustration seiner interessanten Ausführungen wurde sogar eine kleine Galerie mit zahlreichen Schnappschüssen und Zeichnungen der Phrix im Laufe der Zeit aufgestellt.
Die Erste Stadträtin Heike Seibert begrüßte die geschichtsinteressierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer und hob hervor, dass die ehemalige Cellulosefabrik eine vielfältige Bedeutung für die Region hat: Zum einen in Sachen industrielle Entwicklung, zum anderen habe sie aber auch aus historischen Gesichtspunkten viel zu erzählen, weshalb der Phrix eine besondere Bedeutung im Rahmen der diesjährigen Veranstaltungsreihe bezüglich der Demokratiegeschichte in Hattersheim zukommt.
Seibert bedankte sich ausdrücklich bei Bernd Caspari für dessen Engagement: Immer wieder gewährt er mit seiner Fachexpertise spannende und erleuchtende Einblicke in die lokale Vergangenheit. Ergänzend zur Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich von Archiv und Historie sei es von großem Wert, jemanden an seiner Seite zu haben, dem immer wieder eine Geschichte am Rande einfällt und die Erfahrung damit einfach noch lebendiger und greifbarer macht.
Philipp Offenheimer
Die Geschichte der Phrix ist untrennbar mit dem Namen Philipp Offenheimer verbunden, dem Gründer der Okrifteler Cellulosefabrik. Der jüdische Unternehmer Offenheimer wurde 1863 in Schmieheim am Fuße des Schwarzwaldes geboren. Nach Auslandsaufenthalten in Italien, Frankreich und England gründete er 1886 gemeinsam mit dem Frankfurter Kaufmann Hermann Krebs die Phrix. Krebs schied noch im selben Jahr wieder aus dem Unternehmen aus.
Offenheimer ließ in Okriftel Zellstoff aus Holz herstellen, nach einem von ihm selbst patentierten Verfahren. 1900 kam die Papierfabrik hinzu, und in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Spritfabrik: Philipp Offenheimer stellte fest, dass man aus der schwefeligen Lauge, in der das zerkleinerte Holz quasi gekocht wurde, Alkohol herstellen konnte - denn Holz enthält auch Zucker, das vergärt werden konnte. Ein umweltfreundlicher Nebeneffekt: Jene Lauge wurde fortan nicht mehr einfach in den Main geleitet, wo sie ein Fischsterben verursachte.
Unter der Führung von Philipp Offenheimer entwickelte sich die Okrifteler Fabrik prächtig, das Unternehmen gelangte auch über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus zu Ansehen. Das Einzugsgebiet der Arbeiter war groß, und auch das Material kam bald von weit her: Offenheimer erkannte, dass Holz aus russischen Wäldern selbst mit den Transportkosten immer noch billiger war als jenes aus den umliegenden Taunuswäldern.
Schon um die Jahrhundertwende wurde in Okriftel nicht nur Cellulose, sondern auch Papier hergestellt. 1910 arbeiteten bereits 226 Personen in der Fabrik.
Nach dem Tod von Philipp Offenheimer im Jahre 1930 übernahm Sohn Ernst Offenheimer die Leitung der Firma, bis der Betrieb im Frühjar 1938 durch die Nationalsozialisten "arisiert" wurde. Unter den Eindrücken der Reichspogromnacht im November 1938 floh die Familie Offenheimer nach London. Nach der Restituierung 1949 wurde der Betrieb 1951 an die Phrix-Werke AG verkauft.
Zehn Jahre später wurde zwar noch das 75-jährige Jubiläum der Firma groß gefeiert, die besten Zeiten hatte die Okrifteler Cellulose jedoch längst hinter sich. Zu beharrlich hielt man an der Cellulosefaser fest, während sich die Kunststoff-Faser immer stärker durchsetzte. 1967 übernahm die BASF das Werk, 1970 wurde es schließlich geschlossen.
Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt
Bernd Caspari hatte auch diverse bedrückende Anekdoten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs parat. So berichtete er von Flakhelfern, die in den letzten Tagen des längst verlorenen Krieges meinten, noch das Ruder herumreißen zu können, indem sie das Feuer auf die anrückenden Amerikaner eröffneten. Ein amerikanischer Panzer fuhr daraufhin auf einen Anhöhe und gab einen Schuss ab - so starben sinnlos noch zwei 17-Jährige.
Nach dem Kriegsende kamen natürlich auch die nach Okriftel verschleppten Zwangsarbeiter frei. Jene suchten in der Übergangszeit überall nach Nahrung, die Straße von Okriftel nach Sindlingen galt als lebensgefährlich. Der Okrifteler Karl Löw wurde damals auf dem Heimweg aus Kelsterbach, er hatte dort Holz gekauft, ermordet.
Überaus unbeliebt war auch der hiesige NSDAP-Obergruppenleiter Oskar Schneider. Dessen Befehl zum Beschuss des Schornsteins der Cellulosefabrik führte Caspari zufolge unmittelbar zum Tod des in der Nähe arbeitenden Philipp Kaul durch Granatsplitter.
Bernd Casparis Schwester Helga, die ebenfalls der Führung beiwohnte, erinnerte sich an ein weiteres Erlebnis mit Oskar Schneider: Als dieser erfahren hatte, dass sich ihre Mutter und ihre Tante über die offensichtlich nahende und unvermeidbare Kriegsniederlage unterhalten hatten, beorderte er die Mutter zu sich und gab ihr zu verstehen, dass er, wenn sie nicht zwei Kinder hätte, sie jetzt fortbringen lassen würde.




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