Seit mittlerweile bereits über sechs Wochen wird der zuletzt vieldiskutierte Sarotti-Schornstein behutsam verkleinert. Jener Schlot, der zur 1884 gegründeten ehemaligen Maingau Zuckerfabrik gehörte, die später bis 1994 von Sarotti als Schokoladenfabrik genutzt wurde, und der nun schon seit Jahren die benachbarte Anwohnerschaft in hohem Maße beschäftigt und zuweilen auch verärgert, weil er derart beschädigt ist, dass zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger im Hugo-Hoffmann-Ring eine weitläufige Bauzaunabsperrung errichtet werden musste. Aus gutem Grund: In der Zwischenzeit hatten sich Ziegelstücke aus der Außenhaut des Schornsteins gelöst und waren auf die umgebenden Flächen gestürzt. Und diese Sicherheit hat leider auch ihren Preis: Etwa ein Drittel des Außengeländes der Kita SchokoLaden ist schon seit über zwei Jahren nicht nutzbar.
Auch am gestrigen Mittwochmorgen war wieder ein Bauarbeiter in luftiger Höhe an der verbliebenen Spitze des Schornsteins in Aktion, um die Schrumpfung des Schlots weiter voranzutreiben. Inzwischen ist auch gut zu erkennen, dass der Schornstein nicht mehr annähernd seine ursprüngliche Höhe aufweist.
Auf den Teilrückbau des Schornsteins unter den Auflagen des Denkmalschutzes hatten sich im Vorfeld die Projektpartner Mainova AG und Nestlé Deutschland AG verständigt. Zuvor hatte die zuständige Denkmalschutzbehörde nach langer Wartezeit und mühsamem Dialog endlich die notwendige Genehmigung hierfür erteilt.
Im vorherigen Jahr hatte das Amt für Obere Denkmalpflege in Wiesbaden noch ein Veto gegen einen Abrissantrag eingelegt. Jenem Amt zufolge sei der Schornstein auf dem Sarotti-Gelände nach dem hessischen Denkmalschutzgesetz ein "aus offensichtlichen, künstlerischen und technischen Gründen geschütztes Baudenkmal" und stelle für die Stadt Hattersheim und den Main-Taunus-Kreis ein "bedeutendes Wahrzeichen mit hohem Identifikationswert" dar. Deshalb dürfe der Schornstein nur minimal gekürzt werden, um die notwendige Sicherheit vor Ort für die Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Er dürfe aber gleichzeitig nicht so weit gekürzt werden, dass er womöglich seinen Charakter als Schornstein verliert, denn es handelt sich hierbei nun mal um einen denkmalgeschützten Schornstein und kein allgemeines denkmalgeschütztes Bauwerk. Folglich sollte der Schornstein auch dauerhaft als solcher zu identifizieren sein. Nach dem damaligen Veto wollte das Amt für Obere Denkmalpflege noch die Zweitmeinung eines Fachmanns einholen und weitere Untersuchungen durchführen lassen.
Im April 2026 konnte dann der Main-Taunus-Kreis die Genehmigung des teilweisen Rückbaus des historischen Schornsteins der ehemaligen Sarotti-Fabrik unter den Auflagen des Denkmalschutzes verkünden. Wie die Erste Kreisbeigeordnete Madlen Overdick als Bau- und Denkmalschutzdezernentin seinerzeit mitteilte, hatte der Kreis die Entscheidung mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen abgestimmt und die Stadt Hattersheim darüber informiert. Der Teilrückbau wird nun durch die Nestlé Deutschland AG in Kooperation mit der Mainova, der das Grundstück inzwischen gehört, abgewickelt.
Nach Einschätzung der Fachbehörden erwies sich der Teilrückbau als unvermeidbar. Notwendige Arbeiten für eine dauerhafte Sicherung des gesamten Bauwerks - aus Sicht des Denkmalschutzes sicher die Wunschlösung - erwiesen sich in einigen Bereichen nicht als im erforderlichen Umfang umsetzbar.
Museum oder Gedenktafel?
Nach den bautechnisch nötigen Demontagen soll die verbleibende historische Bausubstanz fachgerecht restauriert und erhalten werden, soweit diese sich sanieren lässt. Am Ende der Maßnahme, wenn keine Gefahr mehr vom Schornstein ausgeht und keine weiteren Sanierungsarbeiten mehr notwendig sind, soll das Bauwerk in den Besitz der Stadt übergehen. Presseberichten zufolge denkt Bürgermeister Klaus Schindling vage über eine künftige Nutzung des Schornsteins als eine Art Museum nach, so dass die Bürgerinnen und Bürger das Bauwerk in Zukunft auch betreten können. Der Sarotti-Schornstein - beziehungsweise dessen Rest - könnte so dauerhaft an die hiesige Industriegeschichte erinnern.
Die FDP-Fraktion, der Koalitionspartner der CDU in der Hattersheimer Stadtverordnetenversammlung, lehnt derartige Überlegungen zum jetzigen Zeitpunkt jedoch ab, mit Verweis auf die momentan angespannte Haushaltslage. Eine neue freiwillige Leistung der Stadt, mit zusätzlichen Investitionen und weiteren laufenden Kosten, steht nach Ansicht der Freien Demokraten diametral zu den notwendigen Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen. Eine einfachere Form der Erinnerung, wie etwa eine Gedenktafel, sei vor diesem Hintergrund eine naheliegendere Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Industriegeschichte Hattersheims.
Der Hugo-Hoffmann-Ring bleibt bis zum Abschluss der Arbeiten rund um den Schornstein weiterhin teilgesperrt. Die Straßensperrung wurde bis zum 31. Dezember verlängert, wird aber gegebenenfalls natürlich früher beendet, sofern die Arbeiten nicht bis zum Jahresende andauern sollten.



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