Verfassung des Landes Hessen feiert 80. Geburtstag

Feierstunde am vergangenen Donnerstagabend in der Stadthalle vor der Stadtverordnetenversammlung

mpk

Im Vorfeld der jüngsten Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag, 24. September, hatte die Stadt Hattersheim am Main zu einer ganz besonderen Feierstunde eingeladen: Das Jubiläum "80 Jahre Hessen" wurde festlich begangen.

Zu Beginn des Festaktes wurde den versammelten Kommunalpolitikerinnen und -politikern, den erschienenen Bürgerinnen und Bürgern sowie allen weiteren Gästen, darunter auch der CDU Europaabgeordnete Michael Gahler, ein kurzer Film vorgeführt, der die Geschichte nach Kriegsende vom seitens der amerikanischen Militärregierung am 19. September 1945 festgelegten Landes "Groß-Hessen", bestehend aus den preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau sowie dem Volksstaat Hessen, bis hin zur Gründung des "Landes Hessen" am 1. Dezember 1946 mit der Annahme der Verfassung des Landes mittels Volksabstimmung nachzeichnete.

Ausstellung des Neuen Königsteiner Kreises

Zudem gab die Ausstellung „275 Tage – Die Entstehung der Hessischen Verfassung“ des Neuen Königsteiner Kreises Einblicke in die Hintergründe der Entstehung des Bundeslandes Hessen.

„Wir freuen uns, gemeinsam mit unseren Gästen ‚80 Jahre Hessen‘ zu feiern. Die Ausstellung zur Entstehung der Hessischen Verfassung bietet dabei eine interessante Gelegenheit, auf die Anfänge Hessens zurückzublicken und sich mit der Geschichte unseres Bundeslandes auseinanderzusetzen“, betonten im Vorfeld der Feierstunde Stadtverordnetenvorsteher Georg Reuter und Bürgermeister Klaus Schindling.

Die Ausstellung, die auch in Form einer Bauzaunausstellung durch das Bundesland tourt, zeichnet die Entstehung der Hessischen Verfassung nach, die 1945 und 1946 innerhalb von 275 Tagen in einer Zeit gewaltiger politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Herausforderungen entstand. Bis heute ist sie die älteste noch gültige Landesverfassung eines deutschen Bundeslandes.

Historische Fotografien, zeitgenössische Dokumente und erläuternde Texte bringen dem Betrachter die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit näher und machen den Aufbau demokratischer Strukturen in Hessen nachvollziehbar.

So wird beispielsweise auch ausführlich auf den damaligen Medien- und Informationsalltag eingegangen. Ab dem Sommer 1945 wurden von der amerikanischen Militärregierung mehr und mehr neue hessische Tageszeitungen lizensiert - eindeutig das damals wichtigste Massenmedium, vor Wochenschauen im Kino, Rundfunksendungen von Radio Frankfurt sowie Plakaten und Broschüren. Auch die Versammlungsfreiheit wurde damals in großem Maße politisch genutzt - diese nahmen einen deutlich höheren Stellenwert als heute ein. Deutsche und amerikanische Verwaltungen betrieben so Demokratiearbeit und bereiteten die bevorstehenden Wahlen vor.

Nach und nach wurde die Demokratie von unten nach oben aufgebaut. Ende Januar 1946 fanden die ersten Kommunalwahlen statt, an 28. April 1946 die ersten Kreistagswahlen.

Vor dem 1. Dezember 1946 veröffentlichten die Tageszeitungen den Verfassungsentwurf, zudem ließ die Landesregierung hessenweit 30.000 Plakate mit dem Verfassungstext aushängen. So konnten sich alle Bürgerinnen und Bürger rechtzeitig und ausführlich über den Inhalt informieren. Letztendlich stimmten 77 Prozent der Wählerinnen und Wähler für den Verfassungsentwurf.

Demokratie verteidigen, Menschen willkommen heißen

Nach der informativen Filmvorführung war die Zeit der Festrednerinnen und -redner angebrochen. Stadtverordnetenvorsteher Georg Reuter lobte in seiner kurzen Begrüßungsrede die vergangenen 80 Jahre in Hessen als eine beispiellose Erfolgsgeschichte aus wirtschaftlicher Stärke, kultureller Vielfalt und vor allem gelebter Demokratie, mahnte jedoch auch an, dass Freiheit und Demokratie keine dauerhaften Selbstverständlichkeiten seien, sondern von jeder Generation aufs Neue verteidigt und gestaltet werden müssen. "Seien wir stolz auf das Erreichte, aber bleiben wir laut und entschieden, wenn es darum geht, unsere freie Gesellschaft gegen jede Form des Extermismus zu schützen", mahnte Reuter.

Als ersten Ehrengast des Abends begrüßte der Stadtverordnetenvorsteher den Landtagsabgeordneten und ehemaligen Staatsminister Axel Wintermeyer. Hierbei nahm er die jüngsten Landtagswahlergebnisse im Osten und die Tatsache, dass seitens der AfD gegen bestimmte Menschengruppen Politik und Wahlkampf gemacht wird, zum Anlass um zu betonen, dass Hessen in den letzten 80 Jahren auch zu einer Heimat für Menschen aus aller welt geworden ist, beginnend mit der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als beispielsweise der Ortsbürgermeister von Diedenbergen in die Wohnungen der Leute gegangen ist um zu schauen, wo noch Platz für die Zwangseinquartierung von Kriegsflüchtlingen sei. Das sei etwas anderes gewesen als wenn man sich in der heutigen Wohlfühlgesellschaft darüber aufregt, wenn Menschen in unser Land kommen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder sei es wegen eines Asylgesuchs.

In Hessen habe man diese Menschen immer "mit großen Händen, mit breiten Händen, mit Umarmung aufgenommen", so Wintermeyer, und das allein schon aus dem Grund, dass "dieses Land diese Menschen braucht, und sie wird sie auch in Zukunft brauchen." Gerade in der sich heute rasch und stetig "entjüngenden" Gesellschaft müsse man im Sinne der Wohlstandswahrung dem Beispiel aus der Gründungsphase des Bundeslandes folgen und auch weiterhin sagen: "Ja, wir nehmen Menschen auf, weil wir diese Menschen brauchen."

Eine Frage der Verantwortung

Auch die Kreistagsvorsitzende Susanne Fritsch betonte, dass "Demokratie niemals selbstverständlich und niemals fertig ist.". Die Menschen mussten in den Jahren 1945 und 1946 demokratische Strukturen neu schaffen. Seitdem haben bereits mehrere Generationen diese Strukturen getragen und weiterentwickelt. und heute liege diese Verantwortung nun bei uns. "Demokratie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen und dass sie nach einer kontroversen Sitzung trotzdem wieder miteinander an einem Tisch sitzen können und vielleicht ein Glas Wein trinken", brachte es Susanne Fritsch auf den Punkt.

Und vielleicht sei genau das nach 80 Jahren Hessen die wichtigste Botschaft: Dass Demokratie kein Zustand ist, den wir einmal erreicht haben und dann für immer besitzen. Sondern ist eine Aufgabe, die jeden Tag neu beginnt. "Hier in Hattersheim, bei uns im Kreistag, in unseren Städten und Gemeinden und überall dort, wo Menschen Verantwortung für Gemeinwesen übernehmen."

In diesem Sinne gratulierte die Kreistagsvorsitzende dem Land Hessen sehr herzlich zum 80. Geburtstag. Und man sollte niemals vergessen, dass "uns mehr verbindet als uns trennt: Die Verantwortung für Demokratie und die für Menschen in unserer Region."

Schindling

Für Bürgermeister Klaus Schindling liefert dieses Jubiläum Gründe zum Feiern, aber auch zum Mahnen gleichermaßen. Dankbar dürfe man sein für die Stabilität unserer heutigen Demokratie - etwas, was der Weimarer Republik leider noch nicht beschieden war.

Zwar können wir nun schon seit 80 Jahren in Hessen Tag für Tag die Demokratie zum Wohle der Mitmenschen praktizieren, jedoch funktioniere Demokratie nicht von ganz alleine: "Demokratie lebt davon Meinungen auszutauschen, in der Sache zu streiten, zu ringen, aber immer mit dem gemeinsamen Ziel, unser gemeinschaftliches Leben - hier in diesem Fall in Hattersheim - ein Stückchen schöner, lebenswerter und vielleicht sogar hier und da noch besser zu machen."

Und auch der Bürgermeister verwies auf das aktuelle politische Klima in Deutschland: "Und wenn es Bedrohungen gibt - und die gibt es, schauen uns die Wahlergebnisse der letzten Landtagswahlen in den anderen Bundesländern am - dann müssen wir auch kämpfen und müssen sagen: Wir Demokraten, wir verwehren uns gegen jegliche extremistischen Kräfte, ob von links oder von rechts." Man müsse die Demokratie bewahren, indem man für sie kämpft und einem stets bewusst ist, dass 80 Jahre nur ein "winzig kleiner Bruchteil eines Anfangs" für eine neue demokratische Grundordnung sind.

Seibert + Theater Requisit

Die Rede der Ersten Stadträtin Heike Seibert wurde bereits nach wenigen Stätzen lauthals aus dem Publikum unterbrochen - das jedoch zum Glück völlig planmäßig: Nora Staeger und Jörg Zick vom Theater Requisit drängelten sich als „Tina und Herbert" in den Mittelpunkt der Feierstunde und referierten auf ihre ganz spezielle Art und Weise über Grundgesetz, Verfassung und Demokratie - und zogen dabei witzige Vergleiche zwischen dem politischen Alltag und dem Eheleben von zwei Urgesteinen aus Hessen und dem Saarland, die sich offenbar gesucht und gefunden haben. So mutet Tina zufolge die Demokratie im Saarland schon ein wenig wie ein Kaffeekränzchen an: Man setzt sich mal zusammen, guckt, wer welchen Kuchen ist, dann diskutiert man ein bisschen - und schon habe man ein demokratisches Kaffeekränzchen. Herbert hingegen sieht das alles ernster, denn schließlich braucht eine Demokratie auch eine ordentliche Verfassung als Gebrauchsanleitung für unser Zusammenleben.

Heike Seibert bedankte sich nach dem komödiantischen Auftritt der beiden ganz herzlich und rückte an dieser Stelle das Theater Requisit in den Fokus: Dieser gemeinnützige Verein verbindet professionelles Improvisationstheater mit Suchtprävention. Das Ensemble besteht, mit Ausnahme der Leitung, komplett aus ehemals suchtmittelabhängigen Menschen, die nicht nur eine Rolle spielen, sondern aus eigener Erfahrung wissen, wovon sie sprechen. An rund 150 Schultagen im Jahr steht das Theater Requisit auf der Bühne und kommt anschließend mit jungen Menschen ins Gespräch. Etwa 400 Jugendliche pro Woche werden so erreicht, und das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Humor, Offenheit und vor allem Glaubwürdigkeit. Und mit der Botschaft, dass Menschen ihr Leben verändern können. "Und vielleicht schließt sich genau hier der Kreis zu unserem heutigen Anlass", so die Erste Stadträtin: "Wir feiern 80 Jahre Hessen und erinnern mit der Ausstellung im Foyer an die Entstehung unserer hessischen Verfassung. Eine Verfassung lebt aber nicht allein von ihren Artikeln. Sie lebt davon, was wir daraus machen. Von Teilhabe, Verantwortung, Respekt, Bildung und der Möglichkeit, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Requisit setzt vieles davon seit drei Jahrzehnten ganz praktisch um. Der Verein stärkt junge Menschen, betreibt Prävention, ermöglicht Teilhabe und gibt Menschen nach einer Suchterkrankung beruflich und gesellschaftlich eine neue Perspektive. Das ist für mich gelebte gesellschaftliche Verantwortung und ein großes Stück Hattersheim."

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Sicherheitsprüfung
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.


X