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Eine schlimme Fehlentscheidung

Die Statue des Heiligen Nepomuk und die „Löwenterrasse“ auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2017.
(Quelle: Homepage der Stadt Hattersheim am Main, www.hattersheim.de)

Zu: „Kita-Erweiterung in Eddersheim“, HS Nr. 6 vom 7. Februar 2019

Der Kahlschlag an dieser für Eddersheim absolut herausragenden Stelle der Mainuferpromenade ist sehr schmerzlich und kaum wiedergutzumachen. Dass dieses historische Juwel bisher nicht, wie etwa der piekfeine Nassauer Hof, behutsam restauriert wurde, gereicht den Eddersheimern nun zu ihrem Nachteil.

Am 29. Januar 2019 gab die Stadt Hattersheim den Auftrag, den historischen Garten des Propsteihofes/Freihofs in Eddersheim vollständig niederzumachen. Der baumbestandene, uralte Garten auf der sogenannten „Löwenterrasse“ hinter der Nepomukstatue (siehe Bild) war unstreitig ein naturbelassener Garten mit altem Baumbestand. Dieser Garten ist Bestandteil des geschützten historischen Propsteihof-Komplexes, und wurde im Denkmalkataster des Landesamtes für Denkmalschutz Wiesbaden als Teil des Kulturdenkmals Propsteihof wörtlich auch als „Garten“ aufgeführt!

Fischerfestbesucher konnten zuletzt noch im Sommer 2018 die stattliche Baumreihe bewundern, die der Statue des Heiligen Nepomuk einen würdigen Hintergrund bot.

Zu meinem Befremden erschien am 19. Februar 2019 eine Stellungnahme der Stadt Hattersheim (siehe Pressemitteilung "Keine historische Gartenstruktur", Anmerkung der Redaktion), mit der nun erstmals neue Argumente für den umfassenden Kahlschlag nachgeliefert wurden. So mokiert man sich seitens der Stadt Hattersheim vor allem über den von Kritikern verwendeten Begriff „historischer Garten“ und zeigt sich gegenüber der berechtigten Kahlschlagkritik sehr dünnhäutig. Eine Stadtsprecherin bezeichnet die Wortwahl „historischer Garten“ als „polemischen Zwecken dienend“. Seitens der Stadt verliert man sich in Wortklauberei, wann ein historischer Garten schützenswert sei und wann nicht. Man ist offensichtlich um Schadensbegrenzung bemüht, und versucht, die Rodung und mannstiefe Auskofferung des historischen Löwengartens nachträglich als mit „dem Denkmalschutz vereinbar“ darzustellen. Die Meinung des Kreisdenkmalamtes MTK hat man nicht zitiert; dem Vernehmen nach hat sich die Stadt Hattersheim mit dem Argument des vorrangigen öffentlichen Interesses über die Denkmalschutzbedenken hingesetzt! Nun wird es seitens der Stadt ganz anders dargestellt.

So wird nun der vollständige Kahlschlag des Löwengartens erstmals mit „Brandschutzgründen“ begründet. Noch im Juni 2017 habe man gedacht, mit dem Fällen einer einzelnen Quitte sei ausreichend Platz für einen Container geschaffen.

Die Wahl der historischen Löwenterrasse als Containerstellplatz war eine schlimme Fehlentscheidung der Stadtführung, da schon 2017 klar sein musste, dass der problematische Standort Löwenterrasse weder mit dem Denkmalschutz noch mit dem Brandschutz zu vereinbaren sein wird. Man hat sich hier in den denkbar ungünstigsten Standplatz verbissen, um für nur drei Jahre provisorisch 15 Ü-3-Kinder zu betreuen.

Es gab und gibt in Eddersheim zumindest zwei weitere Kita-Alternativstandorte, die ohne Zerstörung von historischer Substanz und Natur und ohne Verschandelung des Ortsbildes schon längst realisierbar waren und finanzierbar gewesen wären. Aufgrund der Entwicklung der Geburtenjahrgänge war bereits 2016 im Stadtteil Eddersheim eine Erweiterung an Plätzen um zumindest eine Kita-Gruppe dringend geboten. Um dies kurzfristig realisieren zu können, gab es schon seit Anfang 2017 Planungen, auf dem Gelände vor der katholischen Kindertagesstätte „St. Josef“ einen Container aufzustellen, um vor Ort weitere 25 Plätze zu schaffen. Darüber hinaus gab es Überlegungen, die alte Schule in Eddersheim in eine Kindertagesstätte umzubauen (vgl. Kita-Entwicklungsplan 2016, 5. Fortschreibung, Seite 40). Man hat sich jetzt, genau zwei Jahre später, allein für die Containerlösung entschieden: die anderen Alternativen wurden nicht weiterverfolgt. In den kommenden drei Jahren schlägt das kostspielige Provisorium jeweils mit 150.000 Euro Sachkosten zu Buche (vgl. Kita-Entwicklungsplan 2016, S. 35).

Nun muss man sich nun wirklich fragen, wer drei lange Jahre lang die Verantwortung dafür tragen wird, dass ein Kindergartenbetrieb als teure Übergangslösung dicht neben einem baufälligen, brand- und sturmgefährdeten Fachwerkgebäude betrieben werden soll. 
So rettet man sich in Eddersheim auch in 2019 mit Provisorien und Übergangslösungen über die Zeit. Eine nachhaltige Kindergartenpolitik sieht anders aus. Die Liste der Abrissobjekte und vertanen Chancen wird immer länger.

Frank Wolf, Eddersheim
(Arbeitsgemeinschaft Alt-Eddersheim)

 

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