Im nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz wurden von 1940 bis 1945 über eine Million Menschen auf grausamste Art ermordet. Ausgewählt von Fritz Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt die Prozesse gegen die Täter in Gang brachte, war Gerhard Wiese einer der Ankläger von über 20 wegen Mordes beschuldigten SS-Männern des ersten Prozesses, der am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal des Frankfurter Römers begann und ab März 1964 im Bürgerhaus Gallus fortgesetzt wurde. Im Verlauf der Verhandlung sagten 360 Zeugen aus. Davon waren 211 Überlebende aus Auschwitz, die zum Teil erstmalig über ihre grauenhaften Erlebnisse berichteten und dem Gericht und der deutschen Öffentlichkeit die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz vor Augen führten.
Gerhard Wiese, geboren im August 1928, ist als Zeitzeuge der Barbarei des Nationalsozialismus wie auch des Verschweigens in der bundesdeutschen Nachkriegszeit der einzige noch Lebende der drei Staatsanwälte, die im ersten Frankfurter Auschwitzprozess die Anklage vertraten. Von ihm wurde damals die Anklageschrift gegen Wilhelm Bogner und Oswald Kaduk, die am schwersten belasteten Angeklagten, verfasst. 1965 wurden 17 Angeklagte zu lebenslangen oder langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Boger und Kaduk erhielten als sog. „Exzess-Täter“ lebenslange Haftstrafen. Seine Erinnerungen sind in die Figur des jungen Staatsanwalts im Film „Im Labyrinth des Schweigens“ eingegangen.
Für seine außerordentlichen Verdienste um die Gerechtigkeit und die deutsche Justiz erhielt Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese am 14. November 2017 das Bundesverdienstkreuz am Bande. In seiner Rede zur Übergabe des Bundesverdienstkreuzes am Bande formulierte der damalige Bundesminister der Justiz Heiko Maas: »Auschwitz ist das Synonym für das größtmögliche Unrecht, das Menschen anderen Menschen angetan haben. Aber die Prozesse in Frankfurt zeigten auch, was Justiz zu leisten vermag, wenn sie den Willen hat, der Gerechtigkeit zu dienen.« Es sei daher wichtig, »jene zu ehren, die sich früher als andere und oft gegen große Widerstände für die richtige Sache engagiert haben. Einer, der das getan hat, war Gerhard Wiese.«
Den Vortrag über die Frankfurter Auschwitzprozesse hält Gerhard Wiese am Mittwoch, 11. März, um 18 Uhr in der Heinrich-Böll-Schule.
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