Die Resonanz auf den Vortrag "Gesang, Sport und Humor" von Gemeindearchivar Dr. Detlef Krause am Mittwoch, 1. April, war leider recht überschaubar. Nur etwa zwei Dutzend Interessierte fanden sich im Rat- und Bürgerhaus ein, um den Ausführungen über hiesige Vereinsgründungen zwischen den Jahren 1860 und 1935 zu lauschen. Ein Jammer, denn der Vortrag war höchst informativ und kurzweilig.
Dr. Detlef Krause wies gleich zu Beginn darauf hin, dass man an diesem Abend keine Erfolge der einzelnen Vereine rekapitulieren wird. Nicht Pokale und Urkunden standen im Fokus, sondern eher gesellschaftliche Fragen rund um die Vereinsgründungen: Welche sozialen Milieus waren wo vertreten? Wie harmonisch (oder auch nicht) waren die Verhältnisse der Vereine zwischeneinander oder auch zur Gemeinde?
Von Frohsinn und Eintracht zum Liederkranz
Der Liederkranz, 1860 gegründet, gilt als ältester Verein in Kriftel, wobei Dr. Krause hier als Historiker feststellte, dass es zuvor bereits zwei weitere sogenannte Singvereine in Kriftel gab. Leider ist nicht mehr herauszufinden, wie die beiden Vereine hießen und wann genau sie gegründet wurden. Bekannt ist nur, dass einer der beiden Singvereine sich nach Streitigkeiten auflöste und der andere der Abneigung des damaligen Pfarrers zu mehrstimmigem Gesang zum Opfer fiel.
1858 kam ein neuer Pfarrer nach Kriftel, und so konnte der Lehrer Johannes Kraus am 17. Mai 1860 endlich erfolgreich einen Gesangverein nahmens "Frohsinn" gründen. 21 Männer gehörten dem Verein zunächst an, und diese bildeten ein erstaunlich breites Spektrum der Bevölkerung ab. Zwar waren in Kriftel naturgemäß die Bauern in der Überzahl, aber alle drei damaligen Steuerklassen waren vertreten.
Zwei Jahre später konnte die Fahnenweihe des "Frohsinns" stattfinden, nachdem das Motiv vom Landrat genehmigt worden war. Zum feierlichen Anlass wurde am Marxheimer Berg eine Tribüne aufgebaut, ein Umzug fand statt und es gab ein "großartiges Fest, wie Kriftel noch keines erlebt hat", zitierte Dr. Krause aus den damaligen Quellen. Und weiter: "Alle Häuser, bis auf ein paar, welche übel gesinnte Bewohner beherbergten, prangten in dem festlichsten Schmucke."
Der Vereinsname "Frohsinn" war Programm: Gesang und Geselligkeit standen im Vordergrund, und Jahr für Jahr fand im Januar oder Februar eine Generalversammlung statt, die von Abendunterhaltung mit karnevalistischem Anstrich abgerundet wurde.
Doch mit dem "Frohsinn" war es nicht getan: Kurioserweise wurde am 6. Januar 1877 ein weiterer Gesangverein gegründet: Die "Eintracht" hatte 23 Männer als Mitglieder, darunter auch ein Fabrikarbeiter und ein Tagelöhner, dafür niemand aus der Steuerklasse I - die Sozialstruktur wich also vom "Frohsinn" etwas ab.
1920 kam es schließlich zum Zusammenschluss beider Vereine. Dieser verlief zunächst nicht ganz glatt: Bei der Eintracht fand sich keine Zwei-Drittel-Mehrheit, die für den Zusammenschluss votierte. Also mussten die Vorstände nochmal nachverhandeln. Hierzu traf man sich an einem neutralen Ort, nämlich im "Hirsch" - der "Engel" und der "Grüne Baum" waren die Stammlokale der beiden Gesangvereine. Der erste Leiter des neuen Gesangvereins "Liederkranz" war Martin Burg, ein Neubürger aus Eltville, seines Zeichens kaufmännischer Angestellter, katholisch und - damals höchst unüblich - mit einer evangelischen Frau verheiratet. In seiner Antrittsrede äußerte Burg die eindringliche Bitte, nie Uneinigkeit und Zwietracht unter den Mitgliedern aufkommen zu lassen.
Die Gesangstunden fanden fortan abwechselnd im Engel und im Grünen Wald statt, und die Vereinsfahne, bestehend aus den alten Fahnen von Eintracht und Frohsinn, wurde 1921 geweiht. Jene hängt heute noch im Krifteler Haus der Vereine.
Die Krifteler Turner
Im Jahre 1884 wurde in Kriftel der erste Turnverein gegründet und bereits ein Jahr später in "Turngemeinde von 1884 Kriftel" umbenannt. Offenbar hatte sich die Philosophie des Vereins binnen eines Jahres etwas verschoben: Der Turnverein wurde ursprünglich nach den Grundsätzen von Karl Adolf Spieß gegründet. Jener war Sportpädagoge und gilt als Begründer des deutschen Schulsports und Mädchenturnens. Die Turngemeinde hingegen bekannte sich zum "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn.
Das Hauptproblem des Vereins war stets die Platzfrage. Geturnt wurde anfangs im Garten des Glasermeisters Johann Hasenbach, später auch an verschiedenen Plätzen, etwa an der Bleiche. 1924 machte der Verein dann Nägel mit Köpfen und pachtete den Platz an der Hofheimer Straße, das Gelände am heutigen Schmelzweg. Da die Fläche am Schwarzbach lag, erhöhte man sie in Eigenarbeit um einen Meter.
Um mehr Mitglieder anzulocken, insbesondere ältere Bürger, gründeten die Turner eine eigene Gesangsriege - eine Rechnung, die aufging.
Spätestens zur Zeit der Weimarer Republik entbrannte eine große Debatte zwischen Turnern und Sportlern: Das Turnen galt als deutsch, das Kollektiv stand im Vordergrund, diszipliniert leistete man gemeinsam in der Gruppe etwas. Das Turnen hingegen galt als britisch, als individualistisch, als rein auf den Wettkampf fokussiert - und das lehnten die Sportler ab.
Jedoch: Die Jugend hatte mehr Lust auf Wettkampf, Konkurrenz und Leistung. Um 1920 bildet sich eine Abteilung der Faustballer, aus der 1923 die Handballabteilung entsteht. Später wurde dann auch noch eine Turnerinnenabteilung gegründet.
Karneval in Kriftel
Natürlich fand der Humor nicht zufällig den Weg in den Titel des Vortrags von Dr. Detlef Krause: 1926 wurde in Kriftel die "Vergnügungs-Gesellschaft" gegründet, ein Jahr später folgte auch hier recht schnell eine Umbenennung in "Karneval-Verein 1926 Kriftel".
Jener Verein war eine ziemlich exklusive Angelegenheit: Er durfte der Satzung zufolge lediglich 20 Mitglieder haben. Jene Männer waren so etwa zwischen 25 und 40 Jahre alt, und zu diesem erlesenen Kreis zählten recht bekannte Geschäftsleute wie der Kohlenhändler Jacobi, Metzger Andreas Mohr oder Zimmermeister Martin Westenberger. Vereinszweck war das Ausrichten von Geburtstagsfeiern, das Unternehmen von Ausflügen und grundsätzlich Geselligkeit. Zu den Ausflügen durften ausdrücklich auch die Ehefrauen mitkommen.
Der Karneval-Verein 1926 Kriftel war es auch, der den ersten Karnevalsumzug in der Gemeinde organisierte: Am 28. Februar 1927 zog man ab 14 Uhr durch die Ortsstraßen mit Musikkapelle, Motivwagen, einer fahrbaren Gartenlaube und Prinz Karneval nebst Hofnarr. Dem Protokoll von Martin Westenberger zufolge wurden damals beim Umzug durch die Ortsstraßen Apfelsinen, Äpfel, Schokolade und Bonbons in die staunende Menschenmenge geworfen.
Während der Wirtschaftskrise 1928/1929 wurde der Verein offenbar aufgelöst, die Protokolle brechen ab. Erst 1950 wurde dann mit dem KKK wieder ein Karnevalsverein in Kriftel gegründet.
Krieger- und Militärverein
1893 wurde in Kriftel der sogenannte "Krieger- und Militärverein Kriftel" gegründet. Derartige Vereine gab es im 19. Jahrhundert schon seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon, und es ging ihnen um Begräbnisse, Erinnerungen, Gemeinschaftspflege für Veteranen. Vor allem in den 1860er und 1870er Jahren wurden viele dieser Vereine gegründet, Kriftel war also relativ spät dran.
Anfangs hatte der Verein 30 Mitglieder, die Zahl wuchs bis 1910 auf 48 an. Die Mitglieder kamen aus allen gesellschaftlichen Klassen - ein naheliegender Umstand, da das Soldatentum ja auch alle Bevölkerungsschichten betraf. Die ersten Vorsitzenden waren mit Johann Valerius Winter und Josef Fink Arbeiter, später übernahm Martin Burg den Vorsitz, also der Leiter des Liederkranzes. Auch das war damals nicht untypisch, viele waren Mitglieder in mehreren Vereinen, es gab zwischen den Vereinen eine enge Vernetzung.
Im Jahre 1913 setzte sich der Verein für die Errichtung eines Kriegerdenkmals ein, das heute am hiesigen Lindenplatz steht. Hierfür gab es mehrere Anlässe: Das 25-jährige Thronjubiläum von Wilhelm II. sowie die 100. Wiederkehr des Jahrestages der Befreiung von Napoleon. Dr. Krause zufolge gab es diesbezüglich ziemliche Diskussionen mit der Gemeinde, Bürgermeister Sittig war wohl nicht ganz so erfreut über das Ansinnen, aber vermutlich ging es dabei vor allem um den Standort des Denkmals.
Ursprünglich stand das Kriegerdenkmal sehr zentral auf dem Lindenplatz, inzwischen wurde es ja ein gutes Stück weit zur Seite hin verschoben. Bei der Einweihung des Denkmals im Oktober 1913 war so ziemlich die ganze Gemeinde auf den Beinen, es gab einen Gottesdienst, Ansprachen, einen Festumzug und Gesangsvorträge. Auch das "Hoch" auf den Kaiser durfte nicht fehlen, und abends folgte als krönender Abschluss ein großer Ballabend im Grünen Wald.
Danach trat der Krieger- und Militärverein in Kriftel nicht mehr großartig in Erscheinung, er existierte noch bis Anfang der 1930er Jahre. Offenbar ließ der Erste Weltkrieg das Interesse an solchen Vereinen schwinden.
Der Vortrag von Dr. Detlev Krause behandelte noch einige andere Krifteler Vereine, wie den Handwerker- und Gewerbeverein, den Sportverein 07, die Theater-Gesellschaft "Harmonie", die Freiwillige Feuerwehr oder den Radfahrer-Verein "Germania". All das kann man ausführlicher nachlesen im Aufsatz von Dr. Krause, der im aktuellen Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises veröffentlicht wurde.
Das Jahrbuch ist in den Buchhandlungen im Main-Taunus-Kreis erhältlich. Außerdem kann es unter der E-Mail-Adresse kultur[at]mtk[dot]org oder Telefon 06192/201-1638 bestellt werden.



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