Eine Kerb, wie man sie kennt und liebt

Von Samstag bis Dienstag stand die Gemeinde Kriftel wieder ganz im Zeichen der Kirchweih

mpk

Es gab eine Zeit, da hat man sich gefragt, warum die schöne Krifteler Kerb immer erst so spät im Jahr über die Bühne geht, wenn das Wetter meist schon arg durchwachsen und herbstlich ist. Diese Frage erübrigt sich mittlerweile in den meisten Fällen, und so auch 2026: Von Samstag bis Dienstag herrschten durchweg geradezu sommerliche Temperaturen - so macht die fröhliche Feierei natürlich nochmal so viel Spaß.

Da stört sich auch niemand mehr an der jahrhundertealten Tradition, derzufolge die Krifteler Kerb stets am Sonntag nach Matthäi gefeiert wird, also dem kirchlichen Festtag des Apostels und Evangelisten Matthäus am 21. September.

Der frühere Gemeindearchivar Bernhard Taranczewski hatte vor 40 Jahren für die Krifteler Nachrichten einen Aufsatz über die Geschichte der Kerb verfasst, der auch eine historische Herleitung der Terminierung des Volksfests enthielt. Übrigens ist der Begriff "Kerb" eine mundartliche Abwandlung des Wortes "Kirmes", welche wiederum eine Kurzfassung der "Kirchmesse" ist, dem Gottesdienst zum alljährlichen Gedenken der Kirchweihe.

Nun wurde die Krifteler Sankt-Vitus-Kirche gar nicht an einem Sonntag nach Matthäi geweiht, sondern am 23. Mai 1808. Bereits damals gab es verbindliche Kriterien zur Festlegung des dazugehörigen Volksfestdatums. Jeder Kirchenneubau hatte ursprünglich eine Terminverlegung eben jenes Festes zur Folge. Zur Vereinfachung ging man daher dazu über, die Kirchweih am Ehrentag des jeweiligen Patrons einer Kirche zu feiern. Jedoch: Der Heilige Vitus starb um 304 auf Sizilien den Märtyrertod, sein Gedenktag ist der 15. Juni. Und urkundlich war das Krifteler Gotteshaus immer diesem Heiligen geweiht. Das erklärt also nicht den Kerbetermin im September.

Aufschluss gibt schließlich die Verfügung des Erzbischöflichen Generalvikariats in Mainz vom 30. April 1789. Um die Zahl der kirchlichen Feiertage zu verringern, sollten alle Kirchweihfeste auf kurmainzischem Gebiet auf den Martinstag, also den 11. November, verlegt werden.

Jedoch hatten sich die über das Jahr verteilten lokalen Kirchweihfeste längst zu unverzichtbaren Verkaufstagen für die heimische Handwerkerschaft entwickelt, die sich zusammen mit der Bevölkerung energisch gegen die einheitliche Regelung von oben zur Wehr setzte - mit Erfolg: Es wurde nun beschlossen, dass die einzelnen Orte, vom Datum "Martini" ausgehend, ihre Kirchweihfeste um eine bestimmte Zahl von Sonntagen versetzt, nacheinander feiern konnten. Seitdem feiert Kriftel sein Kirchweihfest am ersten Sonntag nach "Matthäi".

Kerbetanz und Festgottesdienst

Pünktlich um 14 Uhr wurde am Samstagnachmittag der diesjährige Kerbebaum via Traktor durch Kriftel zu seinem Bestimmungsort im Freizeitpark neben dem Festzelt gebracht und dort aufgerichtet. Zahlreiche feierlustige Freunde der Kerb warteten dort bereits auf die Kerbeborsch mit ihrem Baum und beobachteten gemeinsam mit Kerbepuppe "Johann" das Schauspiel, bis jener ganz oben an der Spitze des Baumes seinen Platz für die nächsten vier Tage einnahm, um von dort die Aussicht auf die Kerb zu genießen.

Ab 18 Uhr füllte sich dann mehr und mehr das Festzelt im Freizeitpark, und der große Kerbetanz zur Musik der Tanz- und Partyband "Fun Music" ging bis tief in die Nacht hinein. "Fun Music" verspricht auf ihrer Homepage ein "Rundum-sorglos-Paket in Sachen Party, Stimmung und Gaudi" - und genau das wurde in Kriftel auch geliefert.

Vor allem Kinder, Jugendliche und Familien vergnügten sich auch schon direkt am Samstag auf dem Rummelplatz im Freizeitpark mit seinen vielen Buden, Fahrgeschäften, Essensständen und weiteren Attraktionen. Manch einer versuchte sein Glück beim "Fadenziehen", wieder andere stellten in der "Schießhalle" ihre Treffsicherheit unter Beweis, auf dem "Twister" wurden wilde Runden in luftiger Höhe gedreht und natürlich hat auch der Autoscooter nichts an seiner Faszination für die Jugend verloren.

Wie immer bestand dann der frühe Morgen des Kerbesonntags ganz im Zeichen der eigentlichen Tradition hinter der Kerb: Anlässlich der Kirchweih erwiesen die Kerbeborsch und -mädels der Katholischen Kirche St. Vitus zum Festgottesdienst um 9 Uhr die Ehre. Jener Gottesdienst ist ein fester Bestandteil jeder Krifteler Kerb, und rechtzeitig zum Glockengeläut standen die Kerbeborsch tapfer vor dem Gotteshaus, um dort - trotz zweifellos sehr wenig Schlaf - feierlich zum Gottesdienst einzumarschieren.

Um 11 Uhr stand dann das traditionelle Prominenten-Fußballspiel auf dem Krifteler Sportplatz auf dem Programm. Wie immer leitete der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Lutz Wagner die Partie zwischen der hiesigen Prominenz und der Mannschaft der Kerbeborsch. Es war ein Duell auf Augenhöhe: Am Ende der regulären Spielzeit hieß es 10:10 - das Elfmeterschießen musste also mal wieder die Entscheidung bringen. Hier hatten dann die Prominenten mit 3:2 Fortuna auf ihrer Seite.

Häme in Richtung Hofheim

Viel Zeit verblieb danach nicht bis zum vielleicht größten Programmpunkt des Wochenendes, zumindest auf die gesamte Gemeinde bezogen: Den großen Kerbeumzug. Wie immer führte er, ausgehend von der Raiffeisenstraße, die Frankfurter Straße herunter, die Lindenstraße, die Richard-Wagner-Straße, Taunusstraße, Kirchstraße und Kapellenstraße entlang zum Freizelt. Mit dabei waren unter anderem die Kinder- und Jugendfeuerwehr Kriftel, der SV 07 Kriftel mit seinem Nachwuchs und vielen Eltern, sowie der Krifteler Karneval Klub mit rund 150 Mitgliedern. Dabei präsentierte dieser sein neues Sitzungsthema, welches auf den 77. Geburtstag des KKK hinweisen soll: „Geburtstagsfeier stimmt jetzt ein, Hände hoch, it’s Partytime! Wir feiern heut in Weiß und Gold! Kommt doch einfach, wie ihr wollt.”

Das Brass & Drum Corps des KKK war am Kerbewochenende in den Niederlanden im Einsatz (siehe Bericht in dieser Ausgabe). Würdig vertreten wurde es vom Show & Musik Corps "StarBreaker Frankfurt". Und auch die Krifteler Heimat- und Festwagengesellschaft sowie die DLRG durften natürlich auch diesmal nicht fehlen.

Das Ende des Zuges gehörte wieder dem Wagen der Kerbegesellschaft Kriftel, und dort spottete man diesmal genüsslich über die Finanznöte im benachbarten Hofheim: "Hofheim schreibt im Haushalt Miese, Kriftel tranz auf trockener Wiese" war dort zu lesen, und vom Anhänger aus warfen die wohlhabenden Krifteler munter Schokoladentaler in die Luft. Dabei riefen sie unter anderem: "Kriftel wirft das Geld - und Hofheim hebt es auf."

Der dem Zug folgende Tross wurde immer länger, viele Bürgerinnen und Bürger schlenderten in dessen Windschatten freudig gen Freizeitparkt, um dort zu feiern und dann ab 17 Uhr die mitreißende Live-Musik der "Boys of 69" im Festzelt zu genießen oder sich auf dem Rummelplatz zu vergnügen.

Am Montagmorgen ging es dann auch schon wieder ab 10 Uhr weiter: Der traditionelle Kerbe-Frühschoppen stand auf der Tagesordnung. Rund um Giggelschlag, Kerbebaumversteigerung und Stimmungsmusik von "Hansi" genossen viele Kriftelerinnen und Krifteler einen spaßigen Kerbemontag im Kerbezelt. Auch für ein zünftiges Mittagessen war dort gesorgt, das Speisenangebot war reichhaltig.

Tja, und dann hieß es am Dienstagabend schon wieder: Abschied nehmen von der Krifteler Kerb. Betroffen zog der Trauerzug mit Fackeln vom Rat- und Bürgerhaus ein letztes Mal zum Freizeitpark, um dort mit dem Verbrennen des "Johann" die Kerb 2026 zu beerdigen. Doch eines ist zum Glück gewiss: Im nächsten Jahr wird sie wieder auferstehen - am ersten Sonntag nach Matthäi.

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