Am Dienstagabend fand im Rat- und Bürgerhaus eine ganz besondere Veranstaltung statt: Anlässlich des am 23. Mai erstmals begangenen „Ehrentags des Grundgesetzes“ las die Eppsteiner Autorin Deike Wichmann aus ihrem Roman „Die Unbeirrbaren“.
Bürgermeister Christian Seitz begrüßte das leider nicht allzu zahlreich erschienene Publikum an diesem Abend. Seitz bedauerte, dass nicht alle Plätze im Rat- und Bürgerhaus belegt waren, verwies aber ein Stück weit verständnisvoll auf das strahlende Sommerwetter. Und Deike Wichmann dankte allen, die den Weg zur Lesung gefunden haben, parallel zum Wäldchestag in Hofheim und den abkühlenden Verlockungen des Parkbads.
Der Bürgermeister erinnerte an die Open-Air-Veranstaltung in der Vorwoche, als im Baugebiet "Am Krifteler Wäldchen" vier neue Straßennamen feierlich eingeweiht wurden, die fortan die Namen der vier sogenannten "Mütter des Grundgesetzes" tragen: Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Mit dieser Lesung wollte man ganz bewusst noch einmal den Blick auf jene wichtigen Frauen richten, die im ansonsten rein männlichen, 65-köpfigen Parlamentarischen Rat seinerzeit entscheidende Impulse geliefert haben. Mit Beharrlichkeit, Überzeugungskraft haben sie dafür gesorgt, dass Gleichberechtigung, soziale Verantwortung und demokratische Teilhabe fest im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert wurden, so Seitz. Insbesondere die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist eng mit dem Einsatz von Elisabeth Selbert verbunden. Ein Grundsatz, der damals mutiges und visionäres Handeln voraussetze.
Passend dazu handelt der Roman "Die Unbeirrbaren" von Deike Wichmann auch von der Geschichte jener vier Frauen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Sekretärin Ilsa, eine von Wichmann erfundene Figur inmitten historischer Persönlichkeiten. Ilsa arbeitet 1948 für den Parlamentarischen Rat und lernt dabei Elisabeth Selbert kennen, eine der vier Frauen, die an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt sind. Ilsa ist fasziniert von den fortschrittlichen Ansichten, es entwickelt sich eine Freundschaft und Selbert wird zu ihrer Mentorin. Gemeinsam treten sie dafür ein, dass die Gleichberechtigung im Gesetzestext verankert wird.
Wichmann macht in ihrem Roman die unmittelbare deutsche Nachkriegsgeschichte lebendig und zeichnet den damaligen politischen und gesellschaftlichen Aufbruch eindrucksvoll nach. Zwischen den Lesungsabschnitten berichtete die Autorin über die historischen Hintergründe und das Wirken von Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Damit schlug sie einen eindrucksvollen Bogen zwischen Literatur und Zeitgeschichte.
Die Autorin zeigte sich auch ausdrücklich darüber erfreut, dass in Kriftel nun vier Straßen nach jenen "Müttern des Grundgesetzes" benannt wurden - nicht zuletzt auch deshalb, weil nach wie vor etwa 90 Prozent aller Straßenschilder einen männlichen Namen tragen und allein deshalb schon dieses Gegensteuern durch die Gemeinde Kriftel begrüßenswert sei.
Für die musikalische Umrahmung sorgte die 17-jährige Michaela Miletic, Schülerin der Weingartenschule. Mit ihren gekonnten Pianovorträgen lockerte sie die einzelnen Lesepassagen auf und trug wesentlich zur besonderen Atmosphäre des Abends bei. "Es ist schön, dass sich junge Menschen auf diese Weise in unsere Veranstaltung einbringen und zum Gelingen des Abends beitragen", freute sich Bürgermeister Seitz.
Eine Sternstunde der Frauen
Auch ihr neues Buch „Weil wir gleich sind“ hatte die Autorin mitgebracht. Darin greift sie anhand einer auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte den Kampf von Frauen für Lohngerechtigkeit in den 1970er-Jahren auf und setzt damit die Auseinandersetzung mit wichtigen Stationen der Gleichberechtigung fort.
Bei Sekt und Knabbereien nutzten die Gäste im Anschluss die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Dabei entwickelte sich ein angeregtes Gespräch über die Entstehung des Grundgesetzes, die Rolle der Frauen in der Nachkriegsgeschichte und die Aktualität von Gleichberechtigung und demokratischen Werten. So klang ein gelungener Abend aus, der nicht nur spannende Einblicke in die Geschichte der Bundesrepublik bot, sondern auch die Bedeutung des Grundgesetzes für die Gegenwart eindrucksvoll in Erinnerung rief.
Bürgermeister Christian Seitz dankte der Autorin für die gelungene informative Lesung, den Gästen für ihr Interesse und zeigte sich erfreut über die Resonanz: „Demokratie lebt vom Mitmachen, vom Dialog und vom Engagement der Menschen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, auf welchem Fundament unser Zusammenleben steht.“ Mit der Benennung der Straßen nach den Müttern des Grundgesetzes und der Lesung von Deike Wichmann habe man in Kriftel die Werte von Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung auf unterschiedliche Weise erlebbar gemacht.
Martin Mohr ergänzte: „Demokratie beginnt vor Ort in den Städten und Gemeinden. Sie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen, sich einbringen und miteinander im Gespräch bleiben.“


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