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Eindrücke eines reichen musikalischen Erbes

Musikalisch-literarische Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht mit Daniel Kempin

Daniel Kempin hat das musikalische jüdische Erbe aufgearbeitet und durch die Veröffentlichung in das Bewusstsein zurückgeholt. Viele Kostproben davon gab es bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht nun im Heimatmuseum live zu hören.
(gus/Fotos: Steinacker)

 

BISCHOFSHEIM (gus) – Das Gedenken zur Wiederkehr der Reichspogromnacht des Jahres 1938 hat in Bischofsheim seit einigen Jahren einen würdigen Rahmen gefunden. Neben den wenig beachteten Treffen am Gedenkstein am Marienplatz mit Kranzniederlegung im Frühjahr laden der Heimat- und Geschichtsverein und die Gemeindevertretung am Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November zu kulturellen Veranstaltungen ein, die sich mit Themen wie Minderheitenverfolgung, Toleranz und Antisemitismus auseinandersetzen.

Zum zweiten Mal nach 2015 war am Gedenktag am Donnerstag, 9. November, der 53-jährige Musiker Daniel Kempin im Heimatmuseum zu Gast. Seine auf Gitarre vorgetragene Sammlung jüdischen Liedguts zeigt auf, wie sich die europäischen Juden nicht erst seit dem Aufkommen des Nationalsozialismus mit ihrer Ausgrenzung und Verfolgung als Jesusmörder auf kulturellem Weg beschäftigten.

Der gebürtige Wiesbadener Kempin musste sich sein Bekenntnis zum Judentum erst erarbeiten, denn er stammt aus einer Familie, die, wie es nicht wenige Juden im vergangenen Jahrhundert taten, der Verfolgung durch die Mehrheitsgesellschaft durch das Konvertieren zum Christentum entgehen wollte. Kempins Vater war Kantor der Wiesbadener (katholischen) Bonifatiuskirche am Luisenplatz. Sohn Daniel studierte erst Musik und dann Judaismus, bevor er sich entschloss, den Glauben seiner Ahnen anzunehmen.

Besonders mit dem musikalischen Erbe der Juden hat Kempin sich intensiv befasst und findet darüber heute den Schlüssel, einer breiten, nichtjüdischen Öffentlichkeit einen Zugang zu seiner Glaubensgemeinschaft zu eröffnen. Er hat seit 1990 einige, teilweise preisgekrönte CDs veröffentlicht. Dabei singt er sowohl in Hebräisch als auch in Jiddisch. Beide Sprachen musste er sich als Erwachsener über Studien in England und Israel erst aneignen. „Das werden Sie ja verstehen“, machte er bei der Anmoderation der Beiträge in Jiddisch den Zuhörern Hoffnung.

Das mag für das einzige weltbekannte Lied, das in jiddischer Sprache veröffentlicht wurde, gestimmt haben. „Bei Mir Bistu Shein“, das Anfang der 1930er-Jahren für ein New Yorker Musical komponiert wurde, 1938 durch eine Aufnahme der Andrew Sisters zu Berühmtheit gelangte und seither unzählige Male gecovert wurde, darf im Repertoire einer jüdischen Musikschau nicht fehlen, obwohl der Bezug zum Musical „Men ken lebn nor men lost nisht“, zu übersetzen mit „Man könnte leben, aber sie lassen uns nicht“, dabei verloren ging.
Vornehmlich wählte Kempin für den Abend Liedgut aus, das weniger vom Alltag berichtete, sondern „Traditionen und was sie ausmacht“ in den Vordergrund stellt. So gehört das Rezitieren des Liedtextes „Jeder Mensch hat einen Namen“ von Zelda Schneersohn Mishkovsky am israelischen Shoa-Gedenktag zum festen Programm.

Für einen Wechselgesang mit dem Publikum brauchte Kempin Unterstützung aus den Reihen der Zuhörer. Elisabeth Mudersbach und Bürgermeister Ingo Kalweit hielten auf Wunsch Kempins („das kann ich ja schlecht alleine machen“) ein Plakat hoch, auf dem Kempin den Text des hebräischen Liedes in Lautschrift aufgemalt hatte.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine politisch-soziale Bewegung, hinter der der Entschluss stand, nicht weiter alles ertragen zu wollen, bis endlich der Messias erschient, stattdessen den Antisemitismus aktiv zu bekämpfen. Ihren kulturellen Ausdruck fand diese Bewegung etwa in Arbeiterliedern. Als Gegenpart dieser Position entwickelte sich der Zionismus, der die Zukunft der Juden in der Emigration nach Palästina sah und deren führende Köpfe um Theodor Herzl 1897 in Basel zu einem ersten Kongress zusammenkamen. Kempin brachte Beispiele für Lieder dieser gegensätzlichen Bewegungen.

Nicht nur in Deutschland, auch im russischen Zarenreich hatten die Juden weniger Rechte als die restliche Bevölkerung und packten dies in recht zynisch-bösartige Liedtexte, die etwa zu Zeiten der Oktoberrevolution (aus dem Jiddischen übersetzt) „Der Zar liegt schon unter der Erde“ bejubelten.

Beeindruckend das Werk des jüdischen Widerstandkämpfers in Krakauer Ghetto, Mordechai Gebirtig, der 1938 nach dem Pogrom in Przytyk das jiddische Lied „s brennt“ niederschrieb. „Wenn euch das Städtchen lieb und teuer ist, dann löscht das Feuer, löscht mit eurem eignen Blut, beweist, dass ihr das könnt“, heißt es darin übersetzt. Gegen die Gewalt der Besetzer war freilich auch für den entschlossenen Gebirtig kein Kraut gewachsen, am 4. Juli 1942 wurde er von deutschen Soldaten in Krakau erschossen, wie rund 40.000 Juden alleine in dieser Stadt.

Die Veranstaltung wurde durch die Gemeindevertretungsvorsitzende Sabine Bächle-Scholz eingeleitet, die das fortgesetzte Gedenken in diesem Rahmen verteidigte, da sich nur durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit die Wiederholung solcher Vorgänge wie im Nationalsozialismus verhindern ließe. Zur Gedenkzeremonie zählt das Verlesen der namentlich bekannten Bischofsheimer Juden, die durch die Vernichtungsmaschinerie der Nazis ums Leben kamen.

Der Gedenkstein am Marienplatz in der Hochheimer Straße führt die Namen von 16 Bischofsheimern auf, die bei den letzten Abtransporten in die Vernichtungslager im März und September 1942 zu Opfern wurden. Heute geht man von 57 Menschen aus, die in diesen Jahren in Bischofsheim nicht mehr leben durften.

 

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