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Die Freundschaft zu Juden als Vergehen Pogromgedenken im Heimatmuseum – Auftritt von Jürgen Flügge mit der Inszenierung „Edith und Minna“

Als Mulitmediavortrag ist das Stück "Edith und Minna" angelegt, dem im Heimatmuseum beim Pogromgedenken rund 30 Zuhörer lauschten.

Pogromgedenken im Heimatmuseum – Auftritt von Jürgen Flügge mit der Inszenierung „Edith und Minna“

Es ist für die Zuhörer bei diesem Vortrag gar nicht so einfach zu erkennen, dass es sich letztlich nicht um eine Lesung, sondern um eine Theaterinszenierung handelt, der sie folgen. Das hat damit zu tun, dass der „Erzähler“ in diesem Stück tatsächlich aus seiner eigenen Familiengeschichte berichtet, wenn Jürgen Flügge mit dem Stück „Edith und Minna – Die Geschichte einer Freundschaft“ auftritt. So wie am vergangenen Sonntag im Heimatmuseum als Beitrag zum jährlichen Pogromgedenken der Gemeinde, zu dem die Gemeindevertretungsvorsitzende Sabine Bächle-Scholz eingeladen hatte.

Sie begrüßte vor knapp 30 Zuhörern den 75-jährigen, gebürtigen Darmstädter, der eine internationale Karriere als Autor, Regisseur und Theaterintendant vorzuweisen hat, mit dem erstmals 2015 aufgeführten Stück aber ganz auf seine Wurzeln zurückkommt, die in Stockstadt am Rhein liegen. Die Lebensgeschichte seiner Mutter Wilhelmina „Minna“ Lautenschläger verarbeitet er darin, die er erst nach deren Tod genauer nachzuvollziehen begann, anhand der in Koffern hinterlassenen Schriftstücke, Bilder und sonstigen Gegenstände.

Edith, das war die Tochter der jüdischen Familie Westerfeld, bei der Minna Lautenschläger 1931 als Dienstmädchen zu arbeiten begann. Die Veränderungen in dem beschaulichen Dorf, wie sie sich rund um die Machtübernahme der Nazis Anfang 1933 abspielten, stehen exemplarisch für viele Gemeinden und Städte jener Zeit. Ein vielfach unproblematisches Verhältnis der Mehrheitsbevölkerung zu den Juden verschlecherte sich innerhalb recht kurzer Zeit derart, dass viele Familien – zurecht, wie sich wenige Jahre später zeigen sollte – sich kein Leben mehr in ihren Dorfgemeinschaften vorstellen konnten und auswanderten.

Ein Stück, das genau hineinpasst in die aktuellen Debatten, ob das aktuelle Aufkommen rechtspopulistischer Strömungen ein Beginn der Wiederholung dieser Geschichte sein könnte. Es zeigt auf, wie brave Bürger sich infizieren und instrumentalisieren lassen, zu Ausgrenzern und unverhohlenen Hassern werden – objektiv gesehen, ohne jeden Grund. Denn die Familie Westerfeld war eine von zwei jüdischen Familien, die seinerzeit in Stockstadt lebten, und an der angeblichen Weltherrschaft des Judentums ganz offensichtlich nicht beteiligt.

Flügges Mutter Minna betreute die Kinder Edith und Betty und hatte schnell eine enge Beziehung zu der Familie aufgebaut. Aber die Situation veränderte sich mit der Machtübernahme der Nazis in rasendem Tempo. Allzu viele Stockstädter sprangen auf den Zug der Zeit auf, begannen die jüdischen Familien auszugrenzen, so durch einen Zutrittsverbot zum Schwimmbad. Da füllte Minna eben bei sich zuhause einen Bottich und verschaffte den Kindern so ihren Planschspaß. Aber dieses Zurückziehen ins Private funktionierte nicht lange, sehr schnell kamen auch die entsprechenden Gesetze, die den jüdischen Familien das wirtschaftliche Überleben erschwerten oder unmöglich machten.

Bereits 1934 musste Minna Lautenschläger ihre Stellung bei den Westerfelds aufgeben, weil die Familie sie schlicht nicht mehr bezahlen konnte. Den Kontakt hielt sie dennoch aufrecht, und so ist der weitere Weg der Familie über den Briefaustausch dokumentiert. Flügge entnahm dem Koffer das weitere Schicksal der Familie. Die Töchter Edith und Betty verschifften die Eltern demnach in die USA zu Verwandten, konnten ihren Plan, später nachzufolgen aber nicht mehr umsetzen, denn ihnen fehlte schlicht das Geld für das lebensrettende Schiff. Sigmund und Frieda Westerfeld starben schließlich in Konzentrationslagern.

Die fortgesetzte Nähe zu der jüdischen Familie bekam auch Minna Lautenschläger nicht, die in ihrem polizeilichen Führungszeugnis bald den Eintrag „judenfreundlich“ fand. Damit sollte Bürgern, die nicht recht mitschwammen bei der Judenverfolgung, das Leben schwergemacht werden. Beruflich wie privat hatte so ein Eintrag Wirkung: Bei linientreuen Familien hatte sie als Dienstmädchen somit keine Chance auf eine Anstellung, aber auch das private Glück zu ihrem Freund Paul, einem Unteroffizier, konnte sich erst nach Kriegsende entfalten.

Flügge untermalte den Textvortrag mit Fotoprojektionen – da streikte das Laptop am Sonntag allerdings – und Musikeinspielungen. Kleine Auflockerungen in einem ansonsten ganz auf den Effekt der Geschichte setzenden Vortrag. Dass Flügge dabei das (kurze) Anstimmen des Horst-Wessel-Liedes einbaut, ist an einem Pogromgedenktag vielleicht ein bisschen Eintauchen in die Kulturgeschichte zu viel und nicht ganz angemessen. Das Stück ist freilich auch außerhalb der Gedenkveranstaltungen durch seine biografische Basis unmittelbare Geschichte, die angreift und sich als eineinhalb Stunden Geschichtsunterricht bestens eignet.

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