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Närrische Regentschaft für drei Wochen

Das Ginsheimer Rathaus wurde von den fastnachtlichen Vereinigungen nach schwachem Widerstand eingenommen

Vertreter der beteiligten Fastnachtsvereine brachten vom Altrheinufer das Hoheitssymbol der Narren, die vierfarbbunte Fahne, zum Rathaus, wo sie am Fahnenmast sofort gehisst wurde.
(gus/Fotos: Steinacker)

GINSHEIM (gus) – Zugegeben, irgendetwas stimmt an der Sache nicht. Schließlich repräsentierte Bürgermeister Thies Puttnins-von Trotha am Dienstagabend, 12. Februar 2019, im Nebenraum im Gustavsburger Bürgerhaus, als wäre nichts gewesen, die Verwaltung bei den Sitzungen der Ausschüsse der Stadtverordnetenversammlung, beantwortete Fragen, machte seine Ankündigungen – alles ganz normal. Nicht einmal seine Hände waren dabei gefesselt. Möglicherweise ist der Umsturz vom Samstag, 9. Februar 2019, also niedergeschlagen. Aber dazu waren aus dem Rathaus bis zum Redaktionsschluss keine gesicherten Erkenntnisse zu erfahren.

Fest steht allerdings, dass die Fastnachtsgarden und ihr Fußvolk am Samstag am Ginsheimer Rathaus alles unternommen haben, um den närrischen Gesetzen auch in diesem Jahr wieder zu ihrer Geltung zu verhelfen. Nur bis Aschermittwoch zwar, dann wird mal wieder alles vorbei sein. Aber immerhin, dreieinhalb Wochen Regentschaft der närrischen (Un-)Vernunft über die gestrenge Rationalität der herrschenden Bürokratie stehen in Aussicht, begleitet vom – wie immer allerdings nicht sehr ergiebigen – Griff in die Stadtkasse zur Finanzierung von lustigem Dingsbums wie ein bisschen Konfetti und viel Weck, Worscht und Spirituosen.

Der Bürgermeister wurde am Samstag wieder beim Rathaussturm, erst der dritte seiner Art in Ginsheim, von Narrenführer Engelbert Wiedmann an den Händen gefesselt aus seinem Büro vor das Volk im Hof des Rathauses geführt. Repräsentanten der beteiligten Korporationen und närrisch Aktiven des TTC Ginsheim, der Altrheingarde, der Altrheinnarren, des Gustavsburger Carneval Clubs, der „Rosa Käppcher“ aus Mainz sowie der „Woigeister“ aus Kostheim verkündeten die bekannten närrischen Gesetze. Der entmachtete Rathauschef zeigte dabei schon wenige Minuten nach seiner Festsetzung erste Symptome des Stockholm-Syndroms und machte als Mikrofonhalter gemeinsame Sache mit seinen Peinigern.

Die Veranstaltung erfreut sich steigender Beliebtheit beim Volk. Der Platz war diesmal gerammelt voll von johlenden Augenzeugen der Entmachtung des Establishments, begleitet wieder von den Musikgarden aus Mommenheim und Worfelden sowie durch den Rüsselsheimer Carneval-Verein, der für den Kanonendonner sorgte, der von dem Revolutionsakt kündete.

Ein närrischer Umsturz ist erst perfekt, wenn dies für das Volk auch von außen sichtbar ist. Dazu zogen die beteiligten Garden am Fahnenmast des Rathauses die vierfarbbunte Variante der Stadtfahne auf. Die war zuvor vom Altheinufer um Punkt elf Uhr in einem Revolutionsmarsch, abgesichert von der Stadtpolizei (!) durch Haupt- und Schulstraße zum Rathaus geführt worden. Derweil wehrte sich Puttnins-von Trotha in seinem Amtszimmer, angesichts seiner norddeutschen Herkunft den närrischen Dingen immer noch eher hilflos ausgesetzt, recht sinnlos gegen den Ansturm.

Keine wirksame Unterstützung waren dabei auch sein Rathauspersonal und die politische Elite an seiner Seite, deren militärische Kompetenz begrenzt zu sein scheint. Die Kapitulationsrede hielt Puttnins-von Trotha noch im Amtszimmer. Dabei soll er sich nach Ohrenzeugen im hessischen Dialekt versucht haben – unglaublich, welche geradezu unmenschlichen Fähigkeiten Menschen im Todeskampf entwickeln.

„Was wir mit dem jetzt die nächsten paar Tage machen, wissen wir noch nicht“, gestand Wiedmann bei der Verkündung des närrische Grundgesetzes ein, keinen konkreten Verwendungsplan für den Bürgermeister zu haben. Offenbar lassen sie ihn einfach weiterarbeiten und überwachen das Geschehen als fastnachtliche Besatzungsmacht lediglich. Das dreifach donnernde „Helau!“der Menge beschloss die Verkündung der Grundgesetze und die Ginsheimer Altrheingarde um Leadsänger Benno Hochhaus konnte den gemütlichen Teil der „Freiluftstehung“ (Wiedmann) mit ihren zum Schunkeln einladenden Liedern einläuten.

Gehören die Lokalmatadoren grundlegend zu lokalen Narrenveranstaltungen, war Julia Döring erstmals Gast am Rathaus. Die Tochter von Rainer Mathes, Dichters des Klassikers „Im Schatten des Doms“, sang unter anderem natürlich auch den Hit, den sie schon viele Male zusammen mit ihrer Schwester Sandra und Thomas Neger interpretiert hatte und zeigte so, dass das närrische Treiben auch rechts des Rheins unzweifelhaft als Bestandteil der guten alten Mainzer Fastnachtstradition zu verstehen ist.

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