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Liebeserklärung an Weilbach

Festkommers zum 900. Geburtstag – Jüngster Stadtteil Flörsheims mit bewegter Geschichte

WEILBACH (drh) – Seit Freitag ist die erste Weilbacher Briefmarke in Umlauf. Auf dem Festkommers anlässlich des 900-jährigen Jubiläums von Weilbach wurden die ersten Exemplare der limitierten Sonderedition als Geschenk der Stadt zur urkundlichen Ersterwähnung an die Kommersbesucher ausgegeben. Ab Mitte der Woche soll die Marke in der städtischen Verwaltungsstelle Weilbach erhältlich sein. Die 55 Cent-Jubiläumsmarke zeigt den Heiligen Nepomuk und das Haus am Weilbach und war bei den Festgästen sehr gefragt. Am Ende des Festjahres werden die Weilbacher, so versprach Bürgermeister Michael Antenbrink, ein weiteres Bonbon auspacken dürfen, denn dann wäre die Weilbachhalle saniert und würde in neuem Glanz erstrahlen.

 

Ohne Weilbachhalle musste der Kommers in der Jahnturnhalle der Turngemeinde stattfinden. „Weilbacher sind bekannt dafür, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen“, sprach Bürgermeister Michael Antenbrink, der ein besonderes Augenmerk auf die innere Verbundenheit der Weilbacher mit ihrem Ortsteil legte. „Weilbach ist meist nicht die Liebe auf den ersten Blick, aber es ist liebenswert und lebendig“, so der Bürgermeister in seiner Festansprache. Weilbach sei der jüngste Stadtteil Flörsheims und auch wenn er sich nicht in der Pubertät befände, so mache er es den Eltern aber auch nicht immer einfach. „Weilbacher identifizieren sich mit ihrem Ort und setzten sich für ihr Dörfchen ein“, weiß der Rathauschef, der auch den Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Odermatt wegen eines Wasserrohrbruchs zu entschuldigen hatte.
Landrat Michael Cyriax setzte in seiner Rede die sehr idyllische Anfangsgeschichte zu den Jahren der durch den Kiesabbau geschundenen Ortschaft in Beziehung und ließ auch die Lärmbelastung nicht außer acht. „Was hält die Weilbacher zusammen?“ fragte Cyriax und fand das gesellige Vereinsleben und das Heimatgefühl der Einwohner als Antwort. „Hier leben nicht Flörsheimer, sondern Weilbacher“, stellte Cyriax fest. Er gab den Ratschlag, sich im Rahmen des Festjahres auch einmal auf die Wurzeln zu besinnen und mit Schwung und Gemeinsinn auch schwierige Projekte anzupacken.
 Der Festkommers wurde auch dazu genutzt, das 100-jährige Bestehen des Weilbacher Schützenvereins zu würdigen. Bürgermeister Michael Antenbrink ehrte die Schützen mit der goldenen Stadtplakette und aus den Händen des Landrates gab es die silberne Ehrenplakette des Landes Hessen. Worte des Ortsvorstehers Heinz Lauck durften auch nicht fehlen und so dankte er dem Förderverein „900 Jahre Weilbach“ für all sein Engagement und vor allem auch Wilfried Theis, der viele Stunden der Aufarbeitung der Geschichte Weilbachs opfere. „Wir haben zwar keinen Heimat- oder Geschichtsverein, aber viele andere Vereine, die gemeinsam ein tolles Festjahr auf die Beine stellen werden“, ist sich Heinz Lauck, der für die zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen warb, sicher.
Der Vorsitzende des Vereinsrings Weilbach und des Fördervereins „900 Jahre Weilbach“ Peer-Eric Neugebauer gab eine Liebeserklärung an seinen Heimatort ab. Als Kind, das in der Schwefelquelle gebadet hätte, schätze er den Ort, wo sich die Menschen noch grüßten, einen Plausch miteinander hielten und harmonisch zusammenlebten. Weilbach könne auf ein tolles Naherholungsgebiet in den ehemaligen Kiesgruben, die Parkanlagen in Bad Weilbach, einen Modellflughafen, Sportstätten, eine gute Grundschule und bald auch auf eine sanierte Weilbachhalle stolz sein. „Warum wird also gemeckert?“ fragte Neugebauer, der sich persönlich den Charme des Ortes nicht kaputtreden lassen möchte. Auch seien in Weilbach nicht mehr oder weniger Scharlatane unterwegs wie in Wicker oder Flörsheim. Neugebauer fragte, wo die Positivdenker des Ortes seien.
Bürgermeister Michael Antenbrink lobte die klaren Worte des Vereinsringvorsitzenden, bevor Dr. Bernd Blisch zum Thema „Einst und jetzt – Weilbach in Geschichte und Gegenwart“ sprach. Dr. Bernd Blischs Vortrag beinhaltete die Fakten um zehn wichtige Daten der Weilbacher Ortsgeschichte, die nach Auffassung des Geschichtsexperten eigentlich von jedem Weilbacher gekannt werden sollten. Das Datum der Ersterwähnung im Jahre 1112 machte selbstverständlich den Anfang. Eine Weilbacher Witwe, die ihr Gut einem Kloster schenkte, um damit ihr Seelenheil abzusichern, sei für die Ersterwähnung des Ortes verantwortlich. Doch auch schon früher wäre der Ort bewohnt gewesen, was Funde aus der Steinzeit, aus den Zeiten der Kelten und Römer belegten. Das erste Schriftstück jedoch stamme eben aus dem Jahr 1112. Die Jahreszahl 1417 sei zu merken, da Weilbach zwischen die Fronten der Nassauer und Eppsteiner geraten war und der Ort dies mit seiner fast vollständigen Niederbrennung bezahlte. 1535 sei für den Ort wichtig, da er hier im Zuge der Reformation evangelisch geworden sei und den ersten lutherischen Pfarrer erhielt. Später wurde Weilbach aber auch wieder rekatholiziert. Um die Zeit von 1616 seien in Weilbach dreizehn Hexenprozesse geführt worden, von denen zehn mit dem Leben der Angeklagten bezahlt worden wären. Auch die Witwe des evangelischen Pfarrers wurde des Landes verwiesen. 1671 wird die Weilbacher Burg zum Schloss der Adelsfamilie Wolff-Metternich. Die Familie Wolff-Metternich, die das Hofgut bis heute bewohnt, erhielt das Anwesen im Rahmen einer Pfandverschreibung. 1636 fällt der Ort abermals den Flammen zum Opfer. 175 Gebäude, darunter auch Kirche und Schule sind verbrannt, sodass nicht mal mehr der Zehnt gezahlt werden konnte. Das Elend sei so groß gewesen, dass sogar der Bürgermeister „des Hungers sterben“ musste. Auch die bald folgenden Pestjahre verschonten den Ort nicht. Mit der Zahl 1783 hatte Blisch dann jedoch ein goldeneres Zeitalter aufgerufen, sei die Schwefelquelle gefasst und damit das Kurbad auch geboren worden. Goethe habe ebenso vom Schwefelwasser gekostet, wie viele weitere Kurgäste von nah und fern. 1911 wird das Bad dennoch geschlossen und die Frauenschule übernimmt die Anlagen zur Ausbildung ihrer „Maiden“. Maid, so erklärte Blisch, sei die Abkürzung für die Tugenden „Mut“, „Ausdauer“, „Idealilsmus“ und „Demut“ gewesen. 1784 flechtete Bernd Blisch noch ein, da hier der Ort diesmal zwar nicht vom Feuer, aber durch ein großes Hochwasser Schaden genommen habe. 21 Häuser seien der Flut in diesem Jahr zum Opfer gefallen und erst mit dem Bau des Regenrückhaltebeckens in unserer Zeit, sei man dem Weilbach Herr geworden. 1868 wurde der erste Verein, der Gesangsverein Sängerlust, gegründet und dies wäre der Anfang eines neuen Sozialverhaltens der Menschen gewesen. 1971/72 sei nicht wegzulassen , weil Weilbach hier im Rahmen der Gebietsreform mit Wicker zur Stadt Flörsheim vereinigt wurde. Das letzte Datum des Festvortrages markierte das Jahr 1980, wo mit der Gründung der GRKW der Einsatz für Natur und Bildung begonnen habe. Seinen Zuhörern gab Blisch am Ende der Rede noch den Ratschlag, die Liste einmal um ein Datum, wo eine Lösung der Verkehrsproblematik gefunden wird, zu ergänzen. Blisch erinnerte, dass Weilbach und die Geschichte der Hauptstraße, wo sich Gastwirte und Händler ansiedelten und auch Soldaten in Kriege zogen, stets eng verbunden waren. Mit viel Beifall dankten die Zuhörer der kurzweiligen Geschichtsdarstellung und Antenbrink attestierte dem ehemaligen Kulturamtsleiter: „Sie haben mit ihrer Art des Vortrages eine Marke gesetzt.“ Die Feierstunden wurden durch musikalische Darbietungen der Chöre der Sängervereinigung und von Ensembles der Musikakademie umrahmt.

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