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„Ein innerer Anruf, an anderer Stelle zu wirken“

Nach 20 Jahren verlässt Dr. Sebastian Schneider die Pfarrgemeinde St. Martinus

Sicher wird man Dr. Sebastian Schneider mit seinem freundlichen Lächeln und der schwarzen Baskenmütze auf dem Kopf in St. Martinus, wo er fast zwanzig Jahre als Pastoralreferent tätig war, in guter Erinnerung behalten: Er verlässt die Gemeinde auf eigenen Wunsch, um sich einer neuen, beruflichen Herausforderung in der Klinikseelsorge zu stellen.
(Foto: A. Kreusch)

HATTERSHEIM (ak) – Am Sonntag, 27. Januar 2019, wurde Dr. Sebastian Schneider nach fast 20 Jahren in Hattersheim als Pastoralreferent der katholischen Gemeinde St. Martinus im Gottesdienst mit einem anschließenden Empfang im Barbarahaus verabschiedet.

Sein Dienstzimmer im Hattersheimer Pfarrhaus zeugt von der langen Zeit in der Gemeinde: Neben Bildern vom Heiligen Martin, die in Kinderwortgottesdiensten gestaltet wurden, hängt unter anderem eine kleine Flagge, die in einer Gruppenstunde von den Messdienern gebastelt wurde, viele persönliche Gegenstände füllen den Raum mit Geschichte und mit Geschichten.

„Ich bin nach wie vor gerne hier“, versichert Sebastian Schneider, „ ich gehe nicht, weil ich der Gemeinde hier überdrüssig bin. Es ist eher ein innerer Anruf, für die letzten zwölf Jahre in meinem Berufsleben auch noch an anderer Stelle zu wirken.“ Dr. Schneider führt dabei die Worte von Jesus Christus an seine Jünger als Vorbild an: „Lasst uns weggehen von hier, ich bin auch gesandt, wo anders zu wirken!“ Bestärkt in seinem Gefühl, nun noch etwas anderes anfangen zu müssen, hätten ihn die Beschreibungen von dringend zu besetzenden Stellen in der Krankenhausseelsorge, die ihm in der letzten Zeit immer wieder untergekommen seien. „Aus eigenem Antrieb hätte ich das eher nicht gemacht, es ist schon ein inneres Rufen gewesen, dem ich schließlich gefolgt bin“, erklärt er überzeugt, „im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass sich auch hier in der Gemeinde Situationen ergeben haben, die vertieft waren – in der Krankenhausseelsorge wird so etwas noch einmal verstärkt.“ Dr. Schneider sieht seinen Schwerpunkt in der persönlichen Seelsorge. „Die Konzentration darauf ist in der Krankenhausseelsorge noch mehr möglich, sie steht dort im Vordergrund“, weiß der Theologe, der seinen neuen Arbeitsplatz an den Helios Dr. Horst Schmidt-Kliniken in Wiesbaden schon auch als Herausforderung sieht. „Hier weiß ich, ich bin gerne gesehen, hier werde ich meist gerufen – dort werde ich auch ungerufen in Zimmer gehen, um im ungeschützten Raum Gespräche anzubieten“, erklärt Sebastian Schneider, „dem möchte ich mich gerne noch einmal stellen. Ich gehe von daher durchaus ins Ungewisse.“

Allerdings hatte er am Ende seiner Pastoralassistenzzeit in Hofheim zwischen 1997 und 1999 und zu Beginn seiner Tätigkeit in Hattersheim schon die Möglichkeit zu Kursen in klinischer Seelsorge an der Uniklinik Frankfurt. „Dort habe ich vom Klinikseelsorger gelernt, wie man Gespräche im Krankenzimmer führt“, erinnert sich Schneider, „ich habe also schon eine ungefähre Vorstellung von dem, was auf mich zu kommt.“ Und selbstverständlich wird seine Anfangszeit in den Horst- Schmidt-Kliniken auch von zwei dreiwöchigen Kursen in klinischer Seelsorge in Heidelberg begleitet werden, die das Bistum vorschreibt. „Auch meinen Kollegen in den Horst-Schmidt-Kliniken habe ich schon besucht“, erzählt Dr. Sebastian Schneider, „aber die Spannung, das alles kennen zu lernen, ist schon groß. Es ist aber eine positive Spannung, es ist ja ein frei gewählter Schritt ins Ungewisse.“

Fragt man ihn, was er an seinem neuen Wirkungskreis vermissen wird, ist die Antwort eine lange Aufzählung: „Die Kolleginnen und Kollegen im Pfarrbüro und alle Kreise und Gremien, in die ich eingebunden war, die Vorbereitung der Familien-Wochenenden, die Kinder-Wortgottesdienste, die Mittwochs-Frauen von der KfD, die Firm-Katecheten, die Kindergärten, die Sternsinger-Gruppenleiter, den Glaubens-Gesprächskreis, den Vorbereitungskreis für die Gruppe „Wege erwachsenen Glaubens“, die meditativen Abende in der Fastenzeit, die Vorbereitungsgruppe zum Ökumenischen Kinderbibeltag, die Messdiener, mit denen ich so viel in Rom und auf der ‚Faultierfarm‘ in Tirol unterwegs war und dort sehr intensive Erlebnisse hatte – einfach alle, mit denen ich in den letzten Jahren regelmäßig zu tun hatte, werde ich vermissen. Es gibt schon viele gute Beziehungen zu Menschen in der Gemeinde“, stellt Sebastian Schneider fest, „und vermissen werde ich durchaus auch die gute Kirchenmusik in St. Martinus.“

Manches wird Dr. Sebastian Schneider aber auch gar nicht vermissen, wie etwa die meisten Pfarrgemeinderatssitzungen. „Ich empfinde mich nicht so als der Sitzungstyp“, schmunzelt Schneider, „regelmäßige Sitzungsarbeit war nie mein Ding. Aber ich habe großen Respekt vor den vielen, die sich da sehr engagieren. Und wir hatten auch gute und intensive Erlebnisse auf den PGR-Wochenenden.“ Andere „amtliche“ Sachen, wie etwa das Vorbereiten von Visitationen, gehörten ebenso nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen in der Gemeinde. „Mein Ding war es eher, Dinge inhaltlich vorzubereiten, wie etwa den Martinszug oder den Lebendigen Adventskalender – da hat man ein Ziel, das auszuarbeiten ist“, erzählt er. Mit seiner Arbeit in St. Martinus hatte Sebastian Schneider seiner Ansicht nach die Kontinuität der Gemeindeveranstaltungen weitergeführt und dabei auch deutlich eigene Akzente gesetzt. „Es ist nicht so meine Art, viel Neues einzuführen, lieber habe ich das vorhandene neu gefüllt, vertieft und akzentuiert“, meinte der scheidende Pastoralreferent, „das Neue entwickelt sich bei mir eher in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Neuen Testament.“

Seit dem Jahr 2002 lehrt er – zunächst als Privatdozent und seit 2009 als habilitierter Honorar-Professor – an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar Neutestamentliche Einleitung und Neutestamentliche Exegese. „Immer montags bin ich in Vallendar, das werde ich auch weiter machen, der Montag bleibt dafür reserviert, ich habe auch an der Klinik nur eine 80-Prozent- Stelle“, erzählt Dr. Schneider, „mein exegetisches Hintergrundwissen konnte ich hier in der Gemeinde immer gut einbringen.“

Der Gemeinde St. Martinus und ihren Mitgliedern wünscht er für die Zukunft, dass sie ihr Engagement und ihre Selbstständigkeit erhalten und vertiefen können. „Die Anzeichen dafür habe ich gesehen und das macht mich hoffnungsfroh, die Leute hier können auch etwa einen Kinderwortgottesdienst ohne Hilfe vorbereiten und einiges andere mehr. Ich halte das für ein gutes Fundament für die absehbare größere Struktur der Gemeinden. Die Menschen hier können ihren Glauben weiter leben, auch ohne hauptamtliche Begleitung, weil sie gelernt haben, dass sie dazu fähig und genug sind, das mit ihren eigenen Kräften auch zu stemmen“, stellt Dr. Schneider fest. Dass für ihn ein Nachfolger nach Hattersheim kommt, hält er für einen Glücksfall, und er wird Joachim Kahle gerne die Chance einräumen, sich in der Gemeinde St. Martinus einzufinden. „Aus diesem Grund werde ich auch allen Extrawünschen von Gemeindemitgliedern widerstehen – ich will ja denen, die dann hier arbeiten, nicht ins Handwerk pfuschen“, meint Sebastian Schneider, „ein richtiger Abschied und eine gewisse Distanz danach muss schon sein.“ Nur eine Ausnahme wird er wohl machen: Für einen jungen Mann, der sich nach intensiven Gesprächen mit ihm nun an Ostern taufen lassen möchte, wird Dr. Schneider dann doch noch einmal in St. Martinus tätig werden. 
 

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