Von verbrannten und verbotenen Büchern

Veranstaltungsreihe "Orte der Demokratie in Hattersheim“: Beeindruckende Lesung im Hattersheimer Stadtmuseum

mpk

Am Sonntag, 10. Mai, wartete auf die Besucher des Stadtmuseums Hattersheim ein besonderes Highlight: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Orte der Demokratie in Hattersheim“ fand dort die Lesung „Verbrannte und verbotene Bücher – gestern und heute“ statt. Bürgerinnen und Bürger lasen dabei Texte, die Opfer von Verboten oder gar Bücherverbrennungen wurden - oder damit sogar noch in der Gegenwart konfrontiert werden. Die Veranstaltung sollte an die Bücherverbrennungen von 1933 erinnern und gleichzeitig die anhaltende Bedeutung von Literatur, freiem Denken und Meinungsfreiheit unterstreichen.

Zunächst präsentierten Gabriele Janda und Heinz Ober "Der Untertan" von Heinrich Mann. Jener satirische Roman wurde 1914 fertiggestellt und hatte angesichts seiner beißenden Kriftik am wilhelminischen Obrigkeitsstaat sowie Kaiser Wilhelm II. selbst direkt große Schwierigkeiten mit der kaiserlichen Zensur. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Niedergang des Kaiserreichs konnte das Werk im Jahre 1918 vollständig erscheinen.

Doch diese Freiheit sollte nur von kurzer Dauer sein: Während der Bücherverbrennungen der Nazis im Mai 1933 wurde das Schaffen von Heinrich Mann als "undeutsch" diffamiert und als regimekritisch eingestuft. Mann hatte die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und Deutschland bereits im Februar 1933 kurz vor dem Reichstagsbrand verlassen.

Heinrich Mann emigrierte nach Nizza, wo er bis 1940 wohnte. Wegen seiner wiederholten Unterzeichnung des "Dringenden Appells zur Aktionseinheit der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gegen die Nationalsozialisten" schlossen ihn die Nationalsozialisten aus der Akademie der Künste aus, im August 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Heinrich Mann stand auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches von 1933 und starb als tschechoslowakischer Staatsbürger 1950 noch vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland in der kalifornischen Küstenstadt Santa Monica.

Als nächstes brachten Helena Neumann-Dreyling und Silvia Maeder dem Publikum im Stadtmuseum "1984" von George Orwell näher, einen dystopischen Roman über einen Mitarbeiter im "Ministerium für Wahrheit" in einem totalitären Überwachungsstaat unter dem „Großen Bruder“, wo Geschichte gefälscht wird. Insgeheim hegt dieser Zweifel an der machthabenden Partei.

Getroffene Hunde bellen

Orwells Werk wurde direkt nach dessen Veröffentlichung 1949 in der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten verboten. Auch die DDR stufte den Roman als "staatsfeindliche Hetzschrift" ein und verhängte hohe Gefängnisstrafen für die Lektüre und den Verleih. Gemäß einer Urteilsbegründung verteufele und verunglimpfe "1984" den Sozialismus und diffamiere die Sowjetunion sowie die Führungsrolle der marxistisch-leninistischen Parteidiktatur.

Im US-amerikanischen Jackson County (Florida) wurde das Buch hingegen in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus den Schulbibliotheken entfernt, da man es als "pro-kommunistisch" erachtete.

Und erst im Jahre 2023 wurden sämtliche Schulbibliotheken im US-Bundesstaat Iowa dazu verpflichtet, alle Werke von George Orwell aus ihren Beständen zu entfernen. Auch in China und Belarus leidet "1984" bis heute unter Zensur und Verboten.

Schließlich widmeten sich die Erste Stadträtin Heike Seibert und Stadtverordnetenvorsteher Georg Reuter dem Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury aus dem Jahre 1953. Bradbury thematisiert hier das Werkzeug der Zensur als Warnung vor einem totalitären Staat und einer durch Technologie abstumpfenden Gesellschaft. Es wird eine Zukunft skizziert, in der Feuerwehrleute Bücher verbrennen, um kritisches Denken zu unterdrücken und das Volk mit Entertainment ruhigzustellen. Die Zensur soll eine vermeintlich "glückliche", konforme und gleichgeschaltete Gesellschaft schaffen, in der niemand durch abweichende Meinungen intellektuell herausgefordert wird. „Fahrenheit 451“ gilt als Mahnmal gegen Bücherverbrennungen und stellt die essenzielle Bedeutung von Wissen und kritischem Denken heraus. Der Titel bezieht übrigens sich auf die Temperatur, bei der Papier angeblich anfängt zu brennen.

Auch diese Warnung vor Zensur in Romanform wurde in den USA häufig in Schulen verboten oder zensiert, da Kritiker die enthaltene "vulgäre Sprache" (wie etwa "verdammt") oder die Darstellung von Gewalt anprangerten.

Musikalische Intermezzi

Michael Zachcial, der künstlerischer Leiter der Gruppe „Die Grenzgänger“ aus Bremen, die in Hattersheim in den letzten Jahren wiederholt zu erleben war, verstand es vorzüglich diesen besonderen Nachmittag passend musikalisch zu untermalen und dabei auch das Publikum einzubinden. Nach dem "Lied von der Loreley" zum Auftakt präsentierte er das Spottlied "Wem ham ´se de Krone jeklaut?", das in Berlin zur Zeit des Übergangs vom Kaiserreich zur Weimarer Republik höchst populär war. Erstaunlich und erfreulich gerne folgte das Publikum der Aufforderung von Zachcial, den Refrain "Dem Wilhelm dem doofen, dem Oberjanoven, dem hamse de Krone jeklaut" mitzusingen.

Und als er dann auch noch "Die Gedanken sind frei" anstimmte, brauchte es gar keine Aufforderung mehr: Alle sangen spontan laut und inbrünstig mit. Ein großer Spaß, der mit entsprechend euphorischem Applaus quittiert wurde.

Bedeutung und Bezug zur Gegenwart

Die Erste Stadträtin Heike Seibert wies bereits in ihrer Eröffnungsrede darauf hin, dass diese Problematik alle Generationen etwas angeht und für die heute hierzulande erlangte Freiheit stets neu gekämpft werden muss. Deshalb bedauerte sie es auch, dass der Lesung keine Jugendlichen beiwohnten, obwohl sie das hiesige Jugendparlament persönlich eingeladen hatte. Sie hofft, dass sich noch andere Gelegenheiten zur Einbindung der jungen Bürgerinnen und Bürger finden werden.

Seibert hob den Wert der persönlichen Freiheit hervor sowie das Privileg, in einem Land leben zu dürfen, in dem man die Freiheit hat lesen zu dürfen was man will und sich über alles informieren und sich daraufhin eine eigene Meinung bilden zu können. Deshalb erachtet Seibert diese Veranstaltung als etwas ganz Besonderes, und sie will solange sie kann nicht müde werden derlei Veranstaltungen weiter fortleben zu lassen, um insbesondere auch der jungen Generation den Wert dieser Freiheit aufzuzeigen - denn manch einen Wert erkenne man erst dann, wenn man erfahren hat, was andere nicht dürfen oder können.

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