Eine Wohltat für die Seele

Das traditionelle Konzert „über den Dächern Hattersheims“ fand dieses Jahr auf dem Erdboden statt

Nina Hacker, die Bassistin von "Klezmers Techter" trat mit dem "Duo Donya" auf.

Die Veranstaltung „über den Dächern Hattersheims“ auf der Dachterrasse der HaWoBau hatte sich seit einigen Jahren als besonders beliebt etabliert: in jedem Jahr wieder war die Terrasse des HaWoBau-Hauses in der Friedensstrasse bestens gefüllt, man saß gerne eng an eng, um Chansons, Lieder oder Gedichte zu hören oder Loriot-Sketche zu erleben, die Karten waren jedes Mal bald vergriffen.

Dass in diesem Jahr die Gestaltung des Zuhörer- beziehungsweise Zuschauerraumes wegen der Corona-Hygienevorschriften angepasst werden musste, war bald klar: auf der Dachterrasse wäre es unmöglich gewesen, die notwendigen Abstände für ein auch nur annähernd großes Publikum einzuhalten, wie es sonst die Veranstaltung besuchte.

Damit der Abend, der so vielen Leuten bisher immer Freude bereitet hatte, aber nicht ausfallen musste, waren die Veranstalter flexibel und erfinderisch: man verlegte das Konzert mit „Klezmers Techter“ in die Alfred-Embs-Anlage, die mit einer kleinen Bühne zwischen den alten Bäumen und mit großzügiger Bestuhlung dafür eingerichtet wurde. Weil aber „Klezmers Techter“ vom Pech verfolgt wurden und zwei der drei Musikerinnen wegen Verletzungen nicht auftreten konnten, musste nicht nur der Ort der Veranstaltung verlegt werden, sondern es traten auch kurzfristig andere Künstler aus – Nina Hacker, die Bassistin der „Klezmers Techter“ hatte das „Duo Donya“ mitgebracht.

Mit seinem Namen bezieht sich das Duo auf die ursprünglich rumänische Hirtenmelodie „Doina“, welche Einzug in die Klezmer-Musik gehalten hat und ein unverzichtbarer Bestandteil jeder jüdischen Hochzeit ist: „Rhythmisch ungebunden und melodisch frei bietet die klagende 'Doina' mit ihren Melismen, Sequenzierungen und Ruhepunkten den einstigen wie heutigen Klezmorim die Möglichkeit, ihren Gefühlen durch musikalische Improvisation intensivsten Ausdruck zu verleihen“, ist auf der Internetpräsenz des Duos nachzulesen.

Die virtuosen Instrumentalisten des „Duo Doyna“ verbinden in ihren Klängen mit großer Spielfreude musikalische Welten: temperamentvolle Frejlachs und schnelle Bulgar-Tänze aus der traditionellen Hochzeits- und Tanzmusik der osteuropäischen Juden, sephardische Töne aus dem Mittelmeerraum, Jazz, Rock, Funk und Eigenkompositionen sowie harmonische Improvisationen.

Heike Bülter, die Leiterin des Stadtteilbüros, bedankte sich bei Nina Hacker dafür, dass auf diese Weise der Abend gerettet werden konnte und nicht ausfallen musste. „Dieses Jahr ist alles anders – es sind schwierige Umstände: heute Morgen lagen dort, wo sie jetzt sitzen, noch die Stämme des Baumes, der hier gefällt werden musste, zwei von drei der „Klezmers Techter“ haben sich am Arm verletzt, und anstatt des fast zwei Meter großen Herrn Kazzer, der kurzfristig erkrankt ist, sehen sie nun mich hier um sie zu begrüßen, es gibt heute kein Buffet, aber mit kühlen Getränken und abgepackten Brezeln werden wir den Abend auch überstehen.“

Auch Erster Stadtrat und Kulturdezernent Karl Heinz Spengler freute sich sehr, dass die Veranstaltung – „nachdem in diesem Jahr so viele Veranstaltungen schon ausfallen mussten“ - stattfinden konnte. Er bedankte sich besonders bei den Mitarbeitern der HaWoBau und des Stadtteilbüros, die das ermöglicht hatten.

Endlich wieder Musik vor Publikum

Annette Maye (Klarinetten) und Martin Schulte (E-Gitarre), das Duo Donya, fühlte sich auf Anhieb wohl unter den Bäumen der Alfred-Embs-Anlage und betonte, wie sehr sich die Musiker freuten, wieder einmal vor „echten Menschen“ spielen zu dürfen. „Das ist ein schöner Platz für ein Konzert“, lobte die Klarinettistin, „und auch für die Anwohner eine schöne Gelegenheit, von der eigenen Terrasse oder dem eigenen Balkon gute Musik zu genießen.“ Das man dies auch tat, davon zeugte der Applaus nicht nur aus den Stuhlreihen der Konzertbesucher.

Fast alle Füße im Publikum wippten im manchmal auch wehmütigen Takt, Oberkörper wiegten sich zu vielleicht ungewöhnlichen, aber sanften und „wohltuend entspannenden Klängen für die Seele“ aus der elektrischen Gitarre, zu denen die Klarinette ihre Geschichten erzählte.

Eine kleine Anekdote wurde von Annette Maye zu Beginn des Gastspiels in Hattersheim zum Besten gegeben: ein unter den Bäumen fliegender Vogel hatte sich genau auf den Bass von Nina Hacker „erleichtert“. „Aber sie hat es gleich gemerkt und abgewischt – der Lack hat keinen Schaden genommen“, lachte die Musikerin mit Nina Hacker, mit der aus dem Duo für einige Stücke ein Trio geworden war.

In seiner Verabschiedung bedankte sich Karl Hein Spengler auch bei den „Zaungästen“ auf den Balkonen, zusammen mit dem Publikum winkte er ihnen gerne zu.

„Das war sehr schön“, kommentierten die Gäste, die auch nach dem Verklingen der letzten Zugabe noch nicht nach Hause geschickt, sondern vielmehr von Heike Bülter noch („unter Wahrung der Abstandsregeln“) auf ein Glas Wein oder Sekt und zum Plaudern eingeladen wurden, den gelungenen Abend.

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