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Respekt und Dankbarkeit sind hier nicht anzutreffen

Zu: „Kita-Erweiterung in Eddersheim“, HS Nr. 6 vom 7. Februar 2019

Leser Urs Höhne übt scharfe Kritik an den laufenden Bauarbeiten in der Propsteistraße.
(Foto: privat)

Während sich am Wochenende diverse, gelangweilte Mitbürger, „Schlaumeier“ und Fraktionsvorsitzende auf einer Hattersheimer Facebookseite zur allgemeinen Belustigung verbal die Köpfe einschlagen und sich weiterhin peinliche Schlammschlachten liefern, machen sich einige Eddersheimer ernsthafte Gedanken zur Standortwahl der Kita-Erweiterung in der Altstadt.

Grundsätzlich ist es natürlich eine absolut sinnvolle Sache, wenn Kitaplätze geschaffen werden. Das ist auch notwendig. Die Nachfrage steigt. Man kann auch nachvollziehen, dass die Stadt mit der katholischen Kirche eine neue Win-Win-Situation hierzu ausarbeitet. Aber bitte nicht schon wieder zu Lasten anderer.

Man hat sich ausgerechnet das historisch wichtigste Gebäude in Eddersheim ausgesucht, um den Kahlschlag im Garten durchzuführen, das Stadtbild zu verschandeln und neue Parkplatzprobleme zu schaffen. Es handelt sich hierbei nicht um ein beliebiges Gebäude, sondern um ein Bestandsgebäude aus dem 18. Jahrhundert, welches dem Hof der Mainzer Dompropstei von 1332 nachgewiesen wird. Die Liegenschaft Propsteistraße 18 gehört zu den Eddersheimer Kulturdenkmälern. Ebenso die Gartenanlage mit Blick zum Mainufer, die alte Bruchsteinmauer und der heilige Nepomuk, der auf der Mauer thront, stehen unter Denkmalschutz. Zudem gilt hier die Eddersheimer Erhaltungssatzung (die leider kaum einer kennt, da diese seltsamerweise nicht wie alle anderen Satzungen auf der Hattersheimer Webseite aufgelistet ist). Kommt noch hinzu, dass die Liegenschaft derzeitig als Gewerbefläche ausgewiesen ist, schließlich war eine traditionelle Gastronomie die letzte Nutzung in diesem Gebäude. Weiterhin wird die Stellplatzsatzung nicht eingehalten. Der Stellplatznachweis für die Containerstellung findet nicht auf der Liegenschaft selbst statt, so wie üblich, sondern auf anderen öffentlichen Flächen, wie bereits zuvor beim Kita-Neubau vor einigen Jahren. Es wurde und es wird, trotz Stellplatzsatzung, kein einziger Parkplatz auf dem riesigen Gelände geschaffen. Als ob das tägliche Verkehrschaos mitten auf der Kreuzung vor der bestehenden Kita noch nicht genug wäre. Eltern und Kinder können da nichts für. Die Standortwahl mit Zugang zu einer Kita von einer Straßenkreuzung aus, ohne Gehweg und ohne ausreichende Stellplätze ist bereits auf den ersten Blick fragwürdig. Scheinbar aber kein Grund, die Kita-Erweiterung gerade wegen der genialen Lage und der Anbindung an die bestehende Kita auf Teufel komm raus und (mal wieder) ohne Bürgerbeteiligung durchzuziehen. Die Anwohner jubeln vor Begeisterung und dem bevorstehenden Chaos.

Hier fehlt nur noch der Stacheldraht
Das Vorhaben verstößt also gegen das Denkmalschutzgesetz, gegen die städtische Erhaltungssatzung und die städtische Stellplatzsatzung. Fehlt noch zu erwähnen, dass das Altstadtbild für die nächsten drei Jahre erheblich verschandelt wird. So ein Container ist schließlich kein Augenschmaus. Wenn man sich die eingezäunten Container in der Weingartenstraße anschaut, denkt man sich: hier fehlt nur noch der Stacheldraht und das Flutlicht, dann ist der Hochsicherheitstrakt perfekt. Wer soll sich denn da aufhalten? Charles Manson? Uli Hoeneß?

Am Ende fragt man sich: wie hat man es bloß geschafft, alle Gesetze und Satzungen außer Kraft zu setzen? Das ist relativ einfach, habe ich mir sagen lassen: „Höheres Verfügungsrecht für öffentliche Belange“ oder so ähnlich heißen die Zauberworte, die bereits vor Jahren beim ersten Kita-Neubau galten, auf der zweiten Hälfte der Kulturdenkmal-Liegenschaft. Die untere Denkmalschutzbehörde in Hofheim ist machtlos. Die Herstellung von 15 zusätzlichen Kitaplätzen in Eddersheim ist vorrangig wichtig und somit ein öffentlicher Belang. Und schon hat man rechtliche Narrenfreiheit. Denkmal- und Erhaltungsschutz gilt für die Stadt nicht mehr. Private Antragsteller hingegen bemühen sich teilweise jahrelang um die Genehmigung eines Vorhabens im denkmalgeschützten Bereich. So schaut man nun seelenruhig zu, wie alle Bäume gerodet werden, der Minibagger auf der historischen Mauer die Sandsteinabdeckungen zermalmt und die Grünfläche für die geplante Containerstellung mit Mineralbeton begradigt wird. Der Lkw fährt über den alten Grenzstein. Neue Risse suchen sich in der Bruchsteinmauer einen Weg. Die alte Schwengelpumpe am Gartenrand ragt gerade noch aus dem frischen Erdaushub heraus. Völlig absurd erscheint einem die Situation, wenn man sich vor der Kita das städtische Hinweisschild über die Geschichten der Mainzer Dompröpste und die Sommerresidenz von Hugo von Eltz (1743-1778) durchliest und nur 5 Meter dahinter der Bagger den kompletten Garten mutwillig zerstört. Respekt und Dankbarkeit an den äußerst spendablen Dompropst sind hier nicht anzutreffen. Bereits Wochen vorher wurden vier öffentliche Pkw-Stellplätze vor der Propsteistraße 18 mit Bauzäunen blockiert, da man ja als neuer Verantwortlicher der Liegenschaft auf einmal Sicherungsmaßnahmen gegen herabstürzende Bauteile im öffentlichen Bereich vornehmen muss. Die letzten 20 Jahre hatte das niemanden interessiert. Aber da war die Propsteistraße auch schon öffentlich.
Der Deal mit der Kita-Erweiterung scheint ziemlich attraktiv zu sein. Ausgaben von mehreren hunderttausend Euro für 15 Kitaplätze im Kinderknast-Container. Klingt verlockend. Es ist keine drei Jahre her, da wollte man noch jeden Quadratmeter städtischen Grundbesitz verkaufen. Die Zeiten haben sich scheinbar wieder geändert. Laut aktuellem Pressebericht ist der städtische Haushalt wieder „solide aufgestellt“. Man müsse trotzdem weiterhin „sorgfältig haushalten“, heißt es. Gespannt wartet man nun darauf, was nach den drei Jahren Containerstellung passiert. Dann geht es richtig ins Geld für die Sanierung des Hauptgebäudes. Die Auflagen sind aufwendig und dementsprechend teuer. Das ist schließlich der Hauptgrund, weshalb das Gebäude die ganze Zeit keiner kaufen wollte. Die Kosten der Stadthallensanierung sind da bestimmt nicht weit entfernt. Da kann man bei der nächsten Hüttengaudi gleich weitere Ein-Euro-Sparschweine aufstellen.

Zu spät!
Ob es nicht schlauer und günstiger gewesen wäre, die alte Kita in der Bahnhofstraße auf dem alten Friedhof gemeinsam mit der katholischen Kirche zu erneuern? Der Kitaplatznotstand war ja damals schon bekannt. Abriss, Neubau (ohne Unterkellerung zur Wahrung der Totenruhe), zentrale Lage, reichlich Parkplätze auf dem Grundstück, die historische Natursteinmauer würde noch stehen, keine Streitigkeiten, hätte schon längst fertig sein können, für kleines Geld. Zu spät! Kaum zu glauben, dass mit dem Artikel die Kita-Erweiterung voller Stolz angekündigt wird. Die Standortwahl mag aufgrund der bestehenden Kita auf dem Nachbargrundstück praktisch sein, die brutale Realisierung des Vorhabens ist allerdings nicht nachvollziehbar. Der komplette, gesunde Baumbestand im historischen Garten ist bereits verschwunden. Bleibt nur zu hoffen, dass man nicht noch einmal in die Trickkiste greift, um eines Tages das sanierungsbedürftige Kulturdenkmalgebäude abreißen zu lassen.

Urs Höhne, Eddersheim

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