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Rubrik: Bischofsheim
21.02.2013
Sozialpartnerschaft ist kein Kuschelkurs
Gewerkschafterin Ingrid Sehrbrock Gastrednerin beim Neujahrsempfang der CDU
Kanzlerin Angela Merkel sah sich im vergangenen Herbst gedrängt, auf die klare Zwei-Drittel-Mehrheit der Deutschen zu reagieren, die einen flächendeckenden Mindestlohn in allen Branchen befürwortet. Seither wankt in der CDU die einst klare Haltung, die Lohngestaltung dem freien Spiel der Tarifpartner, und wo nicht vorhanden den freien Marktkräften zu überlassen. Nun trägt die CDU konsequent den Begriff der „Lohnuntergrenze“ durch die Debatte – der freilich nur dazu dient, die Verwendung des ungeliebten Begriffes Mindestlohn zu vermeiden.
Sehrbrock lässt sich durch diese, parteiintern noch nicht zu Ende geführte Diskussion nicht irritieren. „Wir haben im DGB Jahre gebraucht um eine Position zum Mindestlohn zu erarbeiten“, betonte die 64-Jährige gebürtige Offenbacherin , die 2006 erstmals zur stellvertretenden Vorsitzenden des Dachverbandes gewählt wurde . „Wir brauchen mehr Tariflöhne, die ausgehandelt werden – und wo dies nicht möglich ist, brauchen wir den Mindestlohn“, stellte Sehrbrock sich hinter die DGB-Linie.
Seit Ende 1999 gehört Sehrbrock bereits dem Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB an und ist als CDUlerin keineswegs eine Exotin. Unionsmitglieder besetzen traditionell einen der Stellvertreterposten im DGB-Vorstand. Und Sehrbrock macht auch nicht den Eindruck, dass sie sich in der sozialdemokratisch beherrschten Gewerkschaftsszene unterbuttern ließe.
Natürlich ist sie eher dem linken Flügel der Partei zuzuordnen. In diese Einordnung geraten CDU-Mitglieder automatisch, wenn sie sich wie Sehrbrock schwerpunktmäßig mit Gewerkschafts- und Sozialthemen befassen. Auch Führungsposten in der CDA und ihr Beitritt zur Gruppe „Lesben und Schwule in der CDU“ – ein Solidaritätsakt – sind dafür klare Indizien.
Die Bischofsheimer CDU hatte sich für ihren Neujahrsempfang das Thema „Sozialpartnerschaft“ ausgesucht. Da lag es nahe, durch Sehrbrock die gewerkschaftliche Seite zur Wort kommen zu lassen. Ihre gebremste Euphorie beim Vertrauen in das ungelenkte Spiel der Marktkräfte entwickelte sich in Tschechien und der Slowakei, wo sie kurz nach dem Umbruch acht Jahre als Sozialreferentin tätig war. „Dort haben sie versucht, den Kapitalismus so zu leben, wie sie es gelernt hatten“, schilderte Sehrbrock. „The Winner Takes it All“, war einer der ersten englischen Sprüche, die in Prag und Bratislava hohe Beliebtheit erlangten. „Von so etwas wie Sozialpartnerschaft war keine Spur, das hat mich sehr nachdenklich gemacht“, berichtete sie.
Das Joint Venture zwischen VW und Skoda, dessen Struktur unter Mitwirkung des DGB, aber auch des heutigen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt entstand, war für sie ein erster Schritt zur Entwicklung einer Sozialpartnerschaft im postkommunistischen Tschechien. Schnell lernten die Tschechen die Zufriedenheit der Arbeitnehmer, die das Mitwirken der Gewerkschaften ermöglichte, zu schätzen.
Sehrbrock sieht die Sozialpartnerschaften auch in Deutschland weiterhin in einer wichtigen Funktion. „Sie hat uns über die Krise gebracht“, schreibt sie das in aller Welt bewunderte glimpfliche Überstehen der Wirtschaftskrise hierzulande, mit vergleichsweise geringem Stellenabbau, dem System zugute. Die Saarstahl AG, in der sie im Aufsichtsrat tätig ist, musste in der schwierigsten Phase einen Auftragseinbruch von 40 Prozent verkraften. Unternehmen und Arbeitnehmervertreter einigten sich auf ein Kurzarbeitermodell, das eine Aufstockung der entsprechend gekürzten Löhne ermöglichte, vom Bund gab es dabei finanzielle Unterstützung. So wurden Entlassungen selbst in dieser schwierigen Situation vermieden, für Sehrbrock ein Musterbeispiel einer funktionierenden Sozialpartnerschaft.
Das deutsche „Beschäftigungswunder“ der jüngsten Jahre beruht für sie daher „auf der Aktivierung alter Tugenden der Sozialpartnerschaft“ in der Krise. Warum funktionierte dies so gut, werde sie im Ausland öfter gefragt. „Weil es gewachsen ist“, antwortet Sehrbrock dann. In Indien etwa gibt es rund 600 Gewerkschaften, die ihren Einfluss geltend zu machen versuchen, aber keine gebündelte Macht wie einen DGB und seine acht, selbst zumeist sehr großen Mitgliedsgewerkschaften.
Das Interesse der Arbeitgeber mag es sein, den Einfluss der Gewerkschaften zu begrenzen. Eine Sozialpartnerschaft funktioniere aber am besten, wenn beide Seiten stark sind, denn „Sozialpartnerschaft ist kein Kuschelkurs“. Sehrbrock widerspricht auch der These, dass die deutsche Mitbestimmung der Arbeitnehmer ausländische Investoren abschreckt. „Für die ausländischen Unternehmen, die hier sind, spielte das das Thema Mitbestimmung gar keine Rolle bei ihrer Entscheidung, sie waren am deutsche Ausbildungsniveau interessiert“, betont sie. Die Mitbestimmung müsse in Deutschland eher ausgebaut werden, um Fehlentscheidungen in den Unternehmen zu verhindern.
Sehrbrock sieht aber durchaus auch negative Tendenzen und Gefahren für den Arbeitsfrieden. So stünden sich im öffentlichen Dienst inzwischen der Niedriglohnsektor und die gut Versorgten immer stärker gegenüber. Dass in Deutschland die Reallöhne zehn Jahre lang nicht stiegen, stehe durchaus in der Kritik. „Die Menschen haben Löhne akzeptiert, die unanständig sind, sagte Sehrbrock. Die Tariflöhne müssen ihrer Auffassung nach wieder stärker zum Normalfall werden, die große Zeit der Minijobs sollte vorbei sein – Wünsche einer Gewerkschafterin, die auch in ihrer Partei längst nicht mehr exotisch sind. Auch der DGB selbst hat ein starkes Interesse an einem guten Lohnniveau in Deutschland. „Leute in prekärer Beschäftigung sind weniger bereit Gewerkschaftsmitglieder zu werden“, betonte Sehrbrock.

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