Es ging nicht gerade hochsommerlich zu, als am Mittwochabend vergangener Woche die Fähre vom Okrifteler Mainufer aus in See stach - aber das Wetter hätte wahrlich auch schlimmer sein können. Dem Besucherandrang und dem Spaß an der ersten "Literarischen Schifffahrt" des Jahres tat dies sowieso keinen Abbruch: Die Fähre war prall gefüllt, und die vielen Stammmitfahrerinnen und -fahrer hatten mit wetterfester Kleidung für alle meteorologischen Eventualitäten vorgesorgt.
An Bord las diesmal Ella Carina Werner, ihres Zeichens Autorin, Satirikerin und Titanic-Mitherausgeberin. In letztgenanntem Magazin schreibt sie die dortige Kolumne, als Nachfolgerin von Max Goldt und Heinz Strunk.
Angekündigt wurde die Veranstaltung als "Werner liest Gedichte", doch nicht nur die hochkomischen feministischen Tiergedichte aus ihrem Bestseller „Der Hahn erläutert unentwegt der Henne, wie man Eier legt" standen an diesem Abend im Mittelpunkt, sondern auch Auszüge aus ihrem Kurzgeschichtenband "Der Untergang des Abendkleides".
Werner war selbst etwas aufgeregt, immerhin war dies ihre erste Schiffslesung. Obwohl sie in Hamburg wohnt, sogar in Hamburg-Wilhelmsburg, um genau zu sein, die immerhin größte Binneninsel Deutschlands. Sie ist also stets umgeben von Wasser und Fähren, doch auf einer gelesen - das hatte sie zuvor noch nie.
In ihren Texten sinniert Ella Carina Werner über das Erreichen des Alters von 40 Jahren (sie selbst ist heute 47) und was man dann so alles machen kann - und was eher nicht mehr: "Mit 40 kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Partner angeln, so wie die coole Sau Brigitte Macron. Mit 20 ist das nach unten hin begrenzt."
Früher fand es Werner äußerst unangenehm, von wildfremden Männern komische Komplimente zu bekommen. In einem weiteren Text führt sie aus, wie sie eine neue Taktik in solchen Situationen erfolgreich zur Anwendung bringt: Sie lobt nun einfach ungebremst und volles Rohr zurück. Eine Anmache Marke "Na, Du Hübsche?" wird tout de suite mit Schwärmereien über das Hard Rock Café Braunschweig-Shirt des aufdringlichen Gegenübers quittiert, oder mit Verzückung über dessen Augenbrauen, die vermeintlich "Triumphbögen der Sinnlichkeit" darstellen. Ausufernde Lobpreisungen, die sämtliche Flirtheinis zielsicher schnell verjagen.
Und dann waren da natürlich noch die besagten Tiergedichte. Werner schrieb in jungen Jahren bereits bis zu ihrem Studium begeistert lustige Gedichte. Nachdem sie nach der Veröffentlichung ihres vorletzten Buches in eine kleine Schaffenskrise geriet, erinnerte sie sich an ihre alte Leidenschaft zurück und beschloss, konsequent nur feministische Tiergedichte zu schreiben. Aus dem einfachen Grund, dass ihre Vorbilder wie Heinz Erhardt, Joachim Ringelnatz oder Robert Gernhardt zwar viele sehr lustige Gedichte dieser Art zu Papier brachten, die dortigen Helden aus dem Tierreich jedoch fast ausschließlich Männchen sind. Um diese Schieflage etwas zu korrigieren, beschloss Ella Carina Werner also, in ihren Gedichten ausschließlich Weibchen als Heldin darzustellen, die ihre eigenen, spezifisch weiblichen Themen mitbringen: "Die Kuh, die lacht, der Bulle flennt, so hat man sich im Stall getrennt. Damit er wieder lächelt bald, zahlt sie ihm etwas Unterhalt."
So schipperte man knappe zwei Stunden über den Main, amüsierte sich köstlich über die aberwitzigen und geistreichen Texte der Autorin und verbrachte gemeinsam einfach einen rundum gelungenen abendlichen Ausflug auf der "Walter Kolb".



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