Zum Bruderduell kommt es nicht

Konstituierende Sitzung des Wickerer Ortsbeirates: Dr. Dr. Dirk Graafen löste Luana Schnabel als Ortsvorsteher ab

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Die Ortsbeiräte sind in der Kommunalpolitik die ruhigen Gremien, in denen die Fraktionen unabhängig von der Konstellation in der Stadtverordnetenversammlung in der Regel unaufgeregt und konstruktiv zusammenarbeiten. Der Job Ortsvorsteher/in geht in den Flörsheimer Stadtteilparlamenten grundsätzlich an die stärkste Fraktion, aber auch die Wiederwahl bis zum Abwinken ist nicht ungewöhnlich. In Wicker war das diesmal alles etwas anders – jedenfalls fast.

Ungewöhnlich, dass Luana Schnabel (CDU) nach gerade einer vollen Amtszeit und einem Jahr nicht wieder als Ortsvorsteherin kandidieren mochte. Allerdings steigt sie nicht aus, sondern erklimmt die nächste Stufe der Kommunalpolitik. „Ich will mich auf die Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung konzentrieren“, erläuterte sie ihren Entschluss, nicht mehr für den Ortsbeirat zu kandidieren und nach rund sechs Jahren – im April 2020 hatte sie Christopher Willmy abgelöst, als dieser in den Magistrat wechselte – die neuen Aufgaben anzugehen.

Nun sollen die Wickerer Themen im gesamtstädtischen Gremium, das anders als ein Ortsbeirat Entscheidungen trifft, durch Schnabel mehr Gewicht bekommen. Für die Nachfolge kamen aus ihrer Sicht mehrere Kandidaten in Frage, schließlich landete sie mit der Idee bei Dr. Dr. Dirk Graafen. Wie in den allermeisten Fällen, konnte auf eine geheime Wahl verzichtet werden, der „Neue“ wurde einstimmig zum neuen Wickerer Ortsvorsteher gewählt.

Doch zuvor hatte es eine persönliche Erklärung von Dr. Stefan Graafen gegeben, Bruder des kurz darauf gekürten Dirk Graafen. Das war nicht etwa zur Abgabe einer familiären Solidaritätsadresse, eher im Gegenteil. Stefan Graafen sah sich gedrängt, zu erläutern, warum er nicht als Gegenkandidat antreten würde. Dazu nämlich, so der für die FDP ins Gremium gewählte Hausarzt mit Praxis in Wicker, sei er nach der Kommunalwahl an seinem Arbeitsplatz von sehr vielen Menschen ermuntert worden. Aus einem nachvollziehbaren Grund: Stefan Graafen hatte bei der Kommunalwahl am 15. März mehr Einzelstimmen erhalten (1.123) als jeder andere Bewerber der fünf Fraktionen. So auch 16 Stimmen mehr als Dirk Graafen (1107), 141 mehr als dfb-Bewerber Tobias Luger (1080). Das Ergebnis, muss dazu erklärt werden, relativiert sich durch den Umstand, dass die FDP-Liste nur drei Namen enthielt, die der CDU neun, womit angesichts der neun zu vergebenden Stimmen bei einem Ankreuzen der Liste ohne Kumulieren oder Panaschieren auf jeden FDP-Bewerber drei, auf jeden CDU-Bewerber eine Stimme entfiel.

Trotzdem steht die Zahl. Er wisse, sagte Stefan Graafen, dass die CDU auf den Vorrang der stärksten Fraktion bei der Ortsvorsteherwahl bestehe. „Nach dem Prinzip, das haben wir schon immer so gemacht.“ Solch eine Einstellung sei „das größte Hindernis für Erfolg“, kritisierte er. Als intuitiver Mensch, der dadurch viele Trends früh erkenne, glaubt er für die Aufgabe gute Voraussetzungen mitzubringen. Als er jedoch erfuhr, dass sein Bruder für die CDU eintreten würde, war ein Gespräch von Dr. Graafen zu Dr. Graafen fällig. Dirk Graafen haben ihm zwar versichert, dass er kein Problem damit habe, wenn er gegen ihn antrete. Doch für Stefan Graafen stand fest: „Wenn die CDU meinen Bruder vorschlägt, werde ich nicht dagegen kandidieren.“

Und so geschah es. Heinz-Gerhard Adam (SPD) führte als am längsten dem Ortsbeirat angehörigen Mitglied die Wahl durch. Dirk Graafen wurde in offener Wahl mit allen neun Stimmen gewählt. Adam dankte Schnabel zudem für die Arbeit als Ortsvorsteherin, „das war immer souverän, wir haben uns sehr wohl gefühlt.“ Es sind eben die netten Gremien, diese Ortsbeiräte.

Bei der Wahl eines Stellvertreters löste die Kandidatur von Tobias Luger (dfb) auf Vorschlag von Eckard Kiel daher auch nicht den gleichen Widerstand der CDU aus, wie es eine Kandidatur für ein Wahlamt in der Stadtverordnetenversammlung derzeit wohl auslösen würde. Luger wurde ebenfalls ohne Gegenbewerber offen und einstimmig gewählt, allerdings enthielt er sich selber .

Als Oberarzt in der Radiologie der Mainzer Unikliniken tätig, ist Dirk Graafens Bekanntheit im Ort vornehmlich über die familiären Aktivitäten mit den drei Kindern gesichert. Er stellte sich daraufhin dem Gremium und Zuschauern näher vor. Das Amt zu übernehmen, sei zu einem „gesellschaftliche Pflicht“, zum anderen gehe es darum, „mich mehr für Wicker einzusetzen“.

In der vorigen Amtszeit des Gremiums sei dabei immer „sehr nett diskutiert“ worden, das solle sich in den kommenden fünf Jahren fortsetzen. Wie auch die Geschäftsordnung vorerst unverändert in der zuletzt 2022 veränderten Form weitergilt. Die Novelle aus dem vorigen Jahr, erläuterte Bürgermeister Bernd Blisch, werde irgendwann auf die Gemeindeebene heruntergebrochen.

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